Auf ein Croissant mit Fräulein Baumann

Lorgnon und Spitzenhandschuh reichen aus, um aus Dr. Markus Weber FRÄULEIN BAUMANN zu machen. (c)NANNI

Anna Baumann 1919 – ein weltoffener Freigeist (c)NANNI

Älter als ein Jahrhundert, ein Kaiserreich, zwei Weltkriege, Weinheim bunt und weniger bunt – das alles hat Fräulein Baumann erlebt und erlebt es immer noch. Mit erstaunlicher Lebendigkeit – die weltoffene Dame feiert am 14. Dezember ihr 110. Wiegenfest – empfängt sie mich zu einer Home-Story der besonderen Art. Die Terminfindung war unkompliziert, obwohl Fräulein Baumann durch ihre vielen Engagements ständig in der Weltgeschichte (zumindest in der Kurpfalz und in Baden) auf Achse ist. „Einen Pressetermin möchten Sie, junge Dame? (‚junge Dame‘ hat mich schon lange niemand mehr genannt). Bringen Sie frische Croissants mit, und lassen Sie uns plaudern!“

Herausgekommen ist dabei ein buntes Interview über Demokratie, Emanzipation und Wasserballett.

InWeinheim: Verehrtes Fräulein Baumann, im Dezember feiern Sie Ihren 110. Geburtstag – eine stolze Zahl. Ist es Zeit zurückzublicken?

Lorgnon und Spitzenhandschuh reichen aus, um aus Dr. Markus Weber FRÄULEIN BAUMANN zu machen. (c)NANNI

Lorgnon und Spitzenhandschuh reichen aus, um aus Dr. Markus Weber FRÄULEIN BAUMANN zu machen.
(c)NANNI

Fräulein Baumann: Ein Blick zurück sollte nur einem Zweck dienen, nämlich Erfahrungen für die Zukunft zu nutzen. Alten Erinnerungen nachzuhängen ist nicht meine Art. Die Seele altert nicht, und mein Blick ist nach vorne gerichtet.

InWeinheim: Also kein Früher war alles besser?

Fräulein Baumann (leicht irritiert): Sie haben mich offensichtlich nicht verstanden, MORGEN MUSS ES BESSER WERDEN! Mir ist im übrigen auch diese neumodische carpe-diem-Gesinnung nicht recht. Überall wird von ‚genieße den Tag‘ gesprochen. Das ist eine sehr nachlässige Übersetzung des Wortes ‚carpere‘, was im Lateinischen ‚pfücken‘ bedeutet, und Horaz, von dem dieses Zitat stammt, auch so übersetzt wissen wollte. Wir reden also nicht von einem passiven Zurücklehnen und Genießen, sondern vom aktiven Pflücken. Wir sind verantwortlich für den Moment und für seine Intensität.

Blick in Fräulein Baumanns Beautycase (c)NANNI

Blick in Fräulein Baumanns Beautycase
(c)NANNI

InWeinheim: Horaz, Latein…Fräulein Baumann, darf ich Sie nach Ihrer Schulbildung fragen?

Fräulein Baumann (energisch): Selbstverständlich dürfen Sie das! Ich besuchte die Volksschule, so hieß damals die Grundschule, und danach die Höhere Töchterschule. Selbstverständlich standen Latein, Französisch und Englisch auf dem Stundenplan.

InWeinheim: Und Lisbeth ist eine Schulfreundin aus dieser Zeit?

Fräulein Baumann (belustigt): Aus der Volksschulzeit! Die Lisbeth hat ja nur das ‚kleine Abitur‘: 4 Jahre Volksschule und Tanzstunde. Sie ist dann Handarbeitslehrerin geworden und häkelt zwar fleissig Handy-Hüllen, hat aber selbst keins dieser neusten technischen Errungenschaften, wie IPhone, Laptop. Wenn Lisbeth aus dem Fenster schaut, sage ich zu ihr: „Lisbeth, Du hast ja noch das alte Windows-Programm!“.

InWeinheim: Wie ging es denn bei Ihnen nach der Schule weiter? Verlobung oder Heirat war nie ein Thema?

Fräulein Baumann: Es hat mir nicht an Verehrern gemangelt, das können Sie mir glauben. Mein Tanzstundenfächer, auf den sich die Herren für ein Tänzchen eingetragen haben, ist übervoll. Aber ich wollte mich keinem Mann unterordnen, wie das damals üblich gewesen wäre.

Auf dem Tanzstundenfächer kann man erkennen, wie umschwärmt Fräulein Baumann war. Der Reisepass von 1919 öffnet früh den Blick für die Welt. (c)NANNI

Auf dem Tanzstundenfächer kann man erkennen, wie umschwärmt Fräulein Baumann war. Der Reisepass von 1919 öffnet früh den Blick für die Welt.
(c)NANNI

InWeinheim: Das heißt, zu mehr als einem Spaziergang oder einem Abendessen ist es nie gekommen?

Fräulein Baumann (richtet sich kerzengerade auf): Auf die heutige Frage ‚zu mir oder zu dir?‘ lautet meine Antwort ‚ich zu mir und du zu dir‘. Die Lisbeth war dreimal verheiratet und dreimal geschieden und hat nichts von der Welt gesehen. Ich hingegen hatte meinen ersten Reisepass 1919, ausgestellt vom Herzogtum Baden.

Weimarer Republik, die ‚Wilden Zwanziger‘, intellektueller und künstlerischer Aufbruch, Weltwirtschaftskrise und schließlich die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten, die auch vor dem beschaulichen Weinheim nicht halt gemacht hat.

InWeinheim: Wie haben Sie hier in Weinheim die Nazi-Diktatur erlebt?

Fräulein Baumann (sehr ernst, und das erste Mal blitzt nicht der Schalk in ihren wachen Augen): Mein Kind, die Synagoge in der Ehretstraße wurde gesprengt, den Knall habe ich bis in mein Elternhaus gehört. Mein Bekanntenkreis hat sich zusehends ausgedünnt, Freunde sind emigriert oder waren plötzlich nicht mehr da. Sie waren vom Erdboden verschluckt wegen ihrer Andersartigkeit im Denken, im Glauben und im Leben. Glauben Sie mir, ich habe die Monarchie und die Diktatur erlebt, und schätze die Demokratie als beste aller Staatformen. Sie ist ein schützenswertes Gut, denn sie schützt auch mich – eine Libertin, einen Freigeist!

Die Familie Baumann ist sehr alt. "Kennen Sie Eva, von Adam und Eva? Sie war eine geborene Baumann." (c)NANNI

Die Familie Baumann ist sehr alt.
„Kennen Sie Eva, von Adam und Eva? Sie war eine geborene Baumann.“
(c)NANNI

Fräulein Baumann und Freigeist passen zusammen wie Heesters und das Maxim. Ihre ganz Erscheinung ist skurril und wirkt wie aus der Zeit gefallen, aber ihre Ansichten sind von einem zeitlosen Humanismus geprägt. Vielleicht ist das auch das Geheimnis ihrer Beliebheit, denn man spürt das Lebensmotto des ‚Alten Fritz‘ – jeder solle nach seiner Facon selig werden – in jedem Detail dieser Grande Dame. Das korrekte, maßgeschneiderte Kostüm, das auch nach Jahrzehnten sitzt wie eine Eins. Die feinen Spitzenhandschuhe und das stilvolle Lorgnon. Das alles sind charmante Äußerlichkeiten, aber darüberhinaus, sind Fräulein Baumanns Lebensweisheiten treffend, aber nie unter der Gürtellinie, wertend, aber nie verletzend, komisch, aber nie Comedy. Wie schafft sie es auch im hohen Alter körperlich so fit zu sein?

Fräulein Baumann: Sport, meine Liebe, Sport! ‚Mens sana in corpore sano‘ – denn nur in einem gesunden Körper wohnt auch ein gesunder Geist. Ich war 1920 badische Meisterin im Eiskunstlauf. Dieser Leidenschaft gehe ich mittlerweile nicht mehr so häufig nach. Aber ich habe viel Freude an Aerobic – die Eurythmie des Körpers, wenn Sie verstehen was ich meine. Und ich schwimme regelmäßig. 1924 war ich Primaballerina im Kurpfälzer Wasserballett – eine ganz wunderbare Sportart, die meine beiden Leidenschaften Wasser und Tanz auf schwerelose Art verbindet.

Fräulein Baumann - mit 111 immer noch den Durchblick. (c)NANNI

Fräulein Baumann – mit 110 immer noch den Durchblick.
(c)NANNI

InWeinheim: Mit welchem Badekostüm dürfen wir uns Fräulein Baumann vorstellen?

Fräulein Baumann: Jedes Alter hat seine Schönheit, wenn man weiß, das andere zu kaschieren.

InWeinheim: Also auch kein Botox?

Fräulein Baumann: Um Gottes Wille (verfällt in Dialekt), des is jo Gift, Nervegift! Jede Falte erzählt eine Geschichte. Man braucht sich im Alter nicht zu verstecken, wie es etwas Greta Garbo oder Marlene Dietrich getan haben.

InWeinheim: Liebes Fräulein Baumann, Sie sind über 100 Jahr alt. Hat denn das Thema Tod einen Platz in Ihrem Leben?

Dieses kleine Säckchen reicht aus, um Fräulein Baumann lebendig werden zu lassen. (c)NANNI

Dieses kleine Säckchen reicht aus, um Fräulein Baumann lebendig werden zu lassen.
(c)NANNI

Fräulein Baumann: Ich wünsche mir so einen friedlichen Tod wie ihn meine alte Freundin Wilhelmine hatte – sie ist eingeschlafen. Was gibt es Schöneres als einfach einzuschlafen? Nicht so ein grausamer Tod wie die Elsbeth. Die saß neben Wilhelmine, als die am Steuer eingeschlafen ist.

Wenn ich mir Fräulein Baumann so anschaue, scheint sie unverwüstlich, beinahe unsterblich. Sie lebt alleine in ihrem Elternhaus, Baujahr 1882 mit Solarenergie und WLAN ausgestattet. Sie ist gut versorgt, auch wenn ihre Rente klein ist. Durch ihre Auftritte hat sie einen Nebenverdienst, der ihr auch die Möglichkeit gibt, mit technischen Raffinissen wie IPhone und Laptop mithalten zu können.

Fräulein Baumann - die Grande Dame der Kurpfälzer Fastnacht.

Fräulein Baumann – die Grande Dame der Kurpfälzer Fastnacht.

Fräulein Baumann: Ich habe aber auch auf meinem Damensekretär einen Computer stehen, falls ich nicht mehr weiß, wo ich den Laptop hingelegt habe. Die Lisbeth ist ja in diesen technischen Dingen sehr unbedarft. Neulich hat sie tatsächlich mit dem Gedanken gespielt, sich ein Handy anzuschaffen. Ein Seniorenhandy mit einer einstelligen PIN und neun Versuchen. Ich habe zu ihr gesagt, „Lisbeth, lass es! Häkel weiter Handyhüllen!“ Ich habe mein IPhone immer dabei, auch für den Notfall, wenn wir mit dem Käfer liegen bleiben. Sie fährt mich ja immer zu meinen Auftritten. Und darüber bin ich sehr froh.

Aus unserem Plauderstündchen sind drei Stunden geworden. Fräulein Baumann zeigt mir alte Photoalben und allerlei Raritäten aus längst vergangener Zeit. Ich darf einen Blick in ihr Ankleidezimmer werfen und bekomme die Vorzüge der Tiefkühltruhe im Keller erklärt. „Ein Segen! Oder haben Sie schon einmal Einweckgläser für eine Person gesehen?“ Sie begleitet mich an die Tür und ruft mir nach: „Junge Dame, wenn Sie noch Fragen haben, schreiben Sie mich auf Facebook über den Messenger an, das ist schneller als per E-Mail.“Als ich zu Hause bin, schicke ich ihr gleich eine Freundschaftsanfrage und bin schon ein bisschen stolz als sie mich addet – Fräulein Baumann ist meine älteste Facebook-Freundin.

Selfie mit Fräulein Baumann (c)NANNI

Selfie mit Fräulein Baumann
(c)NANNI

Susanne Michl

Susanne Michl

Senior-Praktikantin

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