Ausbildung als Integration

Christian Rupp setzt sich für *seine Jungs* ein. (c)NANNI

Das Bodelschwingh-Heim bietet 220 Menschen ein zu Hause. (c)NANNI

In der Eingangshalle geht es zu wie in einem Taubenschlag, Besucher kommen, Bewohner treffen sich zum Plausch in der Sitzgruppe, Pflegekräfte eilen vorbei – nicht ohne einen freundlichen Gruß. In dieser herzlich lebendigen Atmosphäre treffe ich Christian Rupp, Heimleiter des Bodelschwingh-Heim, zum Interview.

Christian Rupp lacht nicht nur richtig nett, er ist es auch – ein Chef, bei dem man gerne arbeitet. (c)NANNI

InWeinheim: Herr Rupp, Ihr Haus ist ja nicht nur Heimat für ältere und alte Menschen, sondern auch Ausbildungsbetrieb. Seit Oktober haben Sie nun zwei besondere Auszubildende.

Christian Rupp: Ja, das stimmt. Seit Herbst haben wir Mensah und Abdoulie in unserem Team. Beide sind minderjährig und ohne Familie nach Deutschland geflohen.

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge – sogenannte UMFs – sind nach deutschem Asylrecht Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, die ohne Begleitung eines für sie verantwortlichen Erwachsenen nach Deutschland eingereist sind. Sie werden zunächst durch das vor Ort zuständige Jugendamt in Obhut genommen und dann in Jugendhilfeeinrichtungen betreut. Bei uns in Weinheim ist das Pilgerhaus und seine Außenstelle, der Schafhof in Hemsbach, dafür zuständig, diesen jungen Menschen ein stabiles Aufwachsen zu ermöglichen.

InWeinheim: Wie ist denn der Kontakt entstanden?

Christian Rupp setzt sich für *seine Jungs* ein.
(c)NANNI

Christian Rupp: Ehrenamtliche hatten im Frühjahr einen Arbeitstrupp mit jungen Männern organisiert, um verschiedene Gartenanlagen wieder auf Vordermann zu bringen, zum Beispiel den *Alten Friedhof* an der Peterskirche und eben auch unseren Garten. So ist ein erster Kontakt entstanden. Als ich im März in der Stadthalle die Veranstaltung besuchte *Flüchtlinge beschäftigen. Wie geht das?*, hat mich einer der Jungs persönlich angesprochen. Und natürlich haben auch die Ehrenamtlichen durch ihren Einsatz dazu beigetragen, dass es schließlich in beiden Fällen zu einer Hospitation gekommen ist. Zwei Wochen lang konnten sich die Jungs das Leben und Arbeiten im Bodelschwingh-Heim genauer anschauen.

InWeinheim: Umgekehrt aber auch!

Christian Rupp (lacht): Ja, wir konnten natürlich auch für uns abklopfen: passen die beiden ins Team, wie ernsthaft ist der Wunsch nach einer Ausbildung im Pflegebereich.

InWeinheim: Und wie ernsthaft war es den beiden?

Christian Rupp: Ich kann über beide Jungs sagen, dass der Wunsch, einen sozialen Beruf zu erlernen, durchaus selbstmotiviert ist. Beide bringen einen tiefen Respekt dem Mitmenschen gegenüber mit, sowohl mir als Arbeitgeber, als auch den Bewohnern bei uns im Haus.

InWeinheim: A propos Bewohner, wie war denn die Reaktion bei den älteren Menschen?

Das Leitbild vom Bodelschwinghheim ist geprägt von Nächstenliebe und Fürsorge.

Christian Rupp: Durchweg positiv. Am Anfang hatte ich schon ein etwas mulmiges Gefühl, wie die Akzeptanz gerade bei unseren ältesten Bewohnern wohl sein würde. Tatsache ist natürlich, dass die Hautfarbe der beiden Jungs auffällt, aber interessanterweise doch kein Thema ist. Durch ihre Herzlichkeit sind beide sehr beliebt. Überhaupt sind wir hier im Haus sehr bunt aufgestellt, und das einzige, das zählt ist der Mensch.

Mensah ist aus Ghana geflüchtet und hat im Pilgerhaus ein eigenes Zimmer. Abdoulie kommt aus Gambia und hat mittlerweile eine eigene, kleine Wohnung in Hemsbach. Er erzählt mir, dass er glücklich ist, einen privaten, ruhigen Lebensraum zu haben. Bei beiden fühlt man sofort die herzliche Begeisterung, mit der sie bei ihrer Arbeit sind. Auch im Team sind die beiden jungen Männer mittendrin dabei.

InWeinheim: Die Entscheidung, diesen jungen Menschen eine Ausbildung zu ermöglichen, ist trotzdem ein mutiger Schritt.

Christian Rupp: Wir sehen uns als christliches Haus – das Bodelschwingh-Heim ist Mitglied des Diakonischen Werks der Evangelischen Landeskirche – und das Gebot der *Nächstenliebe* bestimmt auch unser Handeln. Wir haben in unserem Leitbild den Satz *Menschen zu helfen und ihnen in schwieriger Lebenszeit verständnisvoll beizustehen.* Das bezieht sich auf den Umgang mit unseren Bewohnern genauso wie auf die Verantwortung, die wir unseren Mitarbeitern gegenüber haben, und letztendlich jedem unserer Mitmenschen. Für mich war es selbstverständlich, zwei Menschen eine Chance zu geben. Zudem Integration ohne Bildung nicht funktionieren kann.

Abdoulie und Mensah freuen sich jeden Tag auf den herzlichen Kontakt mit Menschen.
(c)NANNI

Mehr als die Hälfte der Flüchtlinge sind jünger als 25 Jahre, also in einem Alter, in dem sie eine Ausbildung benötigen. Integration kann auf keinen Fall ohne Bildung funktionieren. Das Bundesbildungsministerium unterstützt die Integration von Flüchtlingen mit einem speziellen Maßnahmenpaket, das den jungen Menschen den Zugang zu Bildung und Ausbildung ermöglichen soll. Für den Rhein-Neckar-Kreis gibt es in Heidelberg das Welcome Center Rhein-Neckar, das kleine und mittlere Unternehmen bei der Integration ausländischer Arbeitskräfte unterstützt.

InWeinheim: Der Aufwand ist aber schon ein anderer.

Christian Rupp: Natürlich ist die Einarbeitungszeit viel intensiver, wir alle engagieren uns hier besonders. Wenn die jungen Auszubildenden im Einsatz sind, laufen sie zusätzlich mit. Das heißt, sie sind nicht alleine unterwegs, sondern haben eine erfahrene Kraft, die ihnen wie ein Mentor zu Seite steht. Wir sehen diese Ausbildung eben auch als Investition in die Zukunft, denn der Blick auf den Pflegenotstand in Deutschland zeigt uns, dass wir jede helfende Hand gebrauchen können.

Das Bodelschwingh-Heim liegt oberhalb des Schlossparks – idyllisch am Exotenwald.
(c)NANNI

InWeinheim: Wie ist es denn mit der Sprachbarriere?

Christian Rupp: Natürlich war die Verständigung anfangs noch auf Englisch, Französisch oder eben auch mal mit Händen und Füßen. Bei der Ausbildung zum Altenpflegerhelfer wird die Sprache auch ein Schwerpunkt sein. Ziel ist es, nach einem Jahr die vierte Stufe (B2-Level) auf der sechsstufigen Kompetenzskala zu erreichen. Durch den täglichen Umgang mit der Sprache wird das bestimmt gut zu erreichen sein.

Christian Rupp lacht so tatkräftig herzlich, dass ich seine Worte nicht anzweifle. Jungen Menschen eine Perspektive zu geben, ältere Menschen zu begleiten – das ist gelebte Nächstenliebe. Menschen wie er tragen dazu bei, dass Integration gelingen kann.

 

 

 

Susanne Michl

Susanne Michl

Senior-Praktikantin

%d Bloggern gefällt das: