Bunt, bunter – Almendra

Die Künstlerin Almendra in ihrem *kinderfreien* Wohnzimmer.

 

Die Künstlerin Almendra in ihrem *kinderfreien* Wohnzimmer

Die Künstlerin Almendra in ihrem *kinderfreien* Wohnzimmer (c)NANNI

Wie bunt ein Weinheimer Leben sein kann, hat mir in dem sehr sympathischen Interview die Künstlerin Almendra Ximello erzählt. Unser Gespräch ist Teil 6 aus der Reihe Buntes Leben in Weinheim.

Aufgefallen ist sie mir schon öfters in Weinheim: die bunte, junge Frau mit zwei bunten, kleinen Töchtern, die sich wohltuend von dem langweiligen, deutschen Einheitsbeige abheben. Tütü zu Gummistiefeln oder Cowboyhut zum Dirndl und alles verziert mit bunten Pompons, Fransen und Federn. Gerne folge ich ihrer Einladung in die *Villa Kunterbunt* an der Weschnitz, und bei einer Tasse Tee *Feuer & Flamme* springt auch bei mir der Funke über. Ich lasse mich mitziehen in den

Bunte Schätze gegen graue Langeweile (c)NANNI

Bunte Schätze gegen graue Langeweile
(c)NANNI

Rausch der Muster und Farben und lausche den Geschichten einer außergewöhnlichen Frau.

 

InWeinheim: Almendra, Du bist in Mexiko geboren. War Deine Kindheit auch schon so bunt wie Dein Leben heute?

Almendra: Oh ja, das war es. Ich bin in Chihuahua geboren – das ist eine Stadt in der Mitte von Mexiko. Sehr traditionell und sehr heiß. Dort war ich oft bei meinen Großeltern und sechs Tanten. Manchmal kam ich mir vor wie ein Haustier, von jedem verhätschelt. Meine Erziehung war auf der einen Seite schon konservativ und eher streng, aber auf der anderen Seite auch sehr frei. Diesen Widerspruch kann ich gar nicht richtig erklären – im Grunde nur mit dem Vertrauen und der Liebe, die meine Familie mir gegeben hat. Mein Vater hat als Arzt ein soziales Jahr bei den Tarahumara verbracht. Das Indio-Dorf liegt in der Sierra Madre und ist wirklich noch sehr traditionell. Man sagt, sie seien die einzige idigene Volksgruppe, die sich nie unterworfen hat. Es war eine abenteuerliche Zeit dort – die Pflanzen und Gewürze, das Essen und vor allen Dingen die Kleidung der Frauen. Mit zunehmendem Alter kommt immer noch ein weiterer Faltenrock dazu – noch bunter, noch mehr Volants. Es hat meinen Sinn für Farben und Muster nachhaltig beeinflusst  (lacht) – bis heute.

Stoffe in allen Farben und Mustern (c)NANNI

Stoffe in allen Farben und Mustern
(c)NANNI

InWeinheim: Wie war das in der Schule?

Almendra: Zu Abiturzeiten kam schon der Rebell in mir zum Vorschein. Ich wollte beweisen, dass lange Haare nichts weiter als ein äußeres Zeichen des Frauseins sind, das von der Gesellschaft so erwartet wurde. Die logische Konsequenz war eine Glatze.

 InWeinheim: Nicht unbedingt alltäglich in Mexiko?

Almendra: Nein, sicher nicht. Aber ich bin sehr dankbar für die Freiheit, die mir meine Eltern und Großeltern gelassen haben. Sie haben mich auch in meinem Wunsch, Malerei zu studieren, unterstützt. Sechs Jahre habe ich in der Riesen-Stadt Mexiko gelebt und Kunst an der Academia de Artes studiert.

Pinselordnung im Atelier (c)NANNI

Pinselordnung im Atelier
(c)NANNI

InWeinheim: Da fallen mir natürlich gleich die Namen Frida Kahlo und Diego Rivera ein – untrennbar mit Mexiko verbunden.

Almendra: Sicher sind das große Namen und große Künstler gewesen, die mein Studium stark beeinflusst haben, ebenso wie Orozco. Aber auch die Alten Meister, wie Brueghel, Vermeer oder Bosch üben eine starke Faszination auf mich aus. Ich liebe die Darstellung des Lichts. Ich glaube, Menschen wollen sich darin wiederfinden, sie suchen Antworten in Bildern. Irgendwann habe ich gefühlt, dass es meine Bestimmung, meine Mission ist, diese Antworten zu geben.

kontrastreiche Spannung (c)NANNI

kontrastreiche Spannung
(c)NANNI

InWeinheim: Du hast auch in Los Angeles gelebt, wo Du Deinen ersten Mann – einen Deutschen übrigens – kennengelernt hast. Gemeinsam seid Ihr nach Deutschland gekommen. In der Bielefelder Kunstszene hattest Du Dir schnell einen Namen machen können. Verschiedene Projekte trugen Deine Handschrift, ob bei einem Tanztheater oder mit einer Installation bei dem  integrativen Kunstprojekt in Zusammenarbeit mit dem BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) Wegen der Liebe – der Liebe wegen. Mit Deinem jetzigen Mann hast Du zwei Töchter bekommen. Wie klappt das, Kunst und Kinder?

Almendra: Das ist fast nicht möglich. Wenn ich male, bin ich weg! Dann tauche ich in einen Traum, eine Idee ein. Malen ist wie unendlich Verliebtsein. Der Weg ins Atelier wird zum Rendezvous. Eine Leidenschaft, die mit kleinen Kindern in dieser Form nicht gelebt werden kann. Es würde sich für mich nicht richtig anfühlen, Halb-Mutter/Halb-Künstlerin.

InWeinheim: Das heißt aber nicht, dass Du KEIN kreatives Leben mehr führst.

Flohmarktsessel in neuem Gewand (c)NANNI

Flohmarktsessel in neuem Gewand
(c)NANNI

Almendra: Kunst kann man eben nicht nur in der Malerei ausdrücken, Kreativität ist überall. Ich habe angefangen zu nähen als die Mädchen noch ganz klein waren. Ich liebe es, mit Stoffen, Wolle und Bändern Flohmarktfundstücke zu verändern oder auch ganz Neues zu kreieren. Auch Möbel werden von mir individuell umgestylt…

Das ist unschwer zu erkennen. Wenn ich mich in Almendras Reich umblicke, ist eigentlich nichts langweilig. Überall sind liebevolle Details, die humorvoll das Leben feiern. Das Spiel mit Farben und Mustern beherrscht sie virtuos und beweist damit, dass die Gratwanderung zwischen Kunst und Kitsch gelingen kann. Wer sich auf diese bunte Welt einlässt, kann sich diesem Sog nur schwer entziehen.

InWeinheim: 2010 habt Ihr dieses 400 Jahre alte Haus in Weinheims Norden gekauft. Nach und nach entsteht hier in viel Eigenarbeit ein unkonventionelles Schmuckstück. Teilt Dein Mann Deinen Geschmack?

 Almendra: (lacht) Ja, das tut er wirklich. Viele denken, das ist bei uns so eine Mädchensache mit dem vielen bunten Chichi. Das Schlafzimmer habe ich James selbst aussuchen lassen, und er wählte pink! Er fühlt sich wohl in unserer kleinen, verrückten Welt.

Wolle in allen Farbschattierungen

Wolle in allen Farbschattierungen (c)NANNI

InWeinheim: Und wie fühlt Ihr Euch in Weinheim? Bunte Exoten oder angekommen?

 Almendra: Wir haben hier eine tolle Nachbarschaft, die offen und tolerant miteinander umgeht. Durch den Kindergarten und jetzt die Grundschule haben wir viel Kontakt zu Familien, und daraus haben sich auch echte Freundschaften entwickelt. Es kam aber auch schon vor, dass meine Kinder, Angst hatten mit mir auf die Straße zu gehen. ‚Mama, die Polizei nimmt Dich mit, weil Du so anders bist.‘ Das sind natürlich keine echten Ängste, und wir reagieren darauf auch mit Humor. Die Mädchen haben ja selbst schon ihren eigenen Stil. Allegra, die Ältere, hat eine Vorliebe für Röcke und Sierra, die Jüngere, verlässt das Haus nie ohne Blumen im Haar. Ich mag es, wenn Kinder eigene Vorstellungen von Schönheit entwickeln, unbeeinflusst von Erwachsenen.

InWeinheim: Welche Sprachen werden denn in Eurer Familie gesprochen?

Klassisch Öl auf Leinwand (c)NANNI

Klassisch Öl auf Leinwand
(c)NANNI

Almendra: Ich spreche mit den Kindern Spanisch, weil das ja meine Muttersprache ist. James ist aus den USA und spricht Englisch mit den Kindern. Englisch ist auch unsere Familiensprache, in der wir alle miteinander kommunizieren. Deutsch haben die Kinder von klein auf im Kindergarten gesprochen und ist jetzt in der Schule für sie selbstverständlich. (lacht) Sie sind also schon echte Weinheimer. Und ich auch. Ich liebe Traditionen, und ganz besonders schön finde ich den Sommertagszug in Weinheim. Solche Feste haben immer auch etwas Mystisches und verbinden Tradition und Moderne auf spielerische Art.

In der Zwischenzeit wurden wir mit einem wunderbaren, handgemachten Milchkaffee von Almendras Mann verwöhnt und starten zu einer Hausbesichtigung. Kinderzimmer, Badezimmer (wow!), Atelier – überall darf ich meine Nase reinstecken. Im Atelier mit Blick auf ihre aktuelle Arbeit sehe ich die ganze Kraft und das Talent der Künstlerin. Kein Zweifel, sie versteht ihr Handwerk, wenn es darum geht, winzige Details fotorealistisch mit feinstem Pinsel auf die Leinwand zu bannen.Zum Abschluss will mir Almendra

Die *Hippie-Garage* (c)NANNI

Die *Hippie-Garage*
(c)NANNI

noch ihren Garten hinter dem Hause zeigen. Wir nehmen den Umweg über die *Hippie-Garage* – ein gemütliches, kunterbuntes Kleinod, das in liebevoller Erinnerung an Almendras Studienzeit entstanden ist. Neben der großen Scheune geht es hoch zum terrassenartig angelegten Garten. Tomaten, Paprika, Gurken, aber auch exotische Dinge sind hier zu finden. Melonen und Ingwer gedeihen bestens, und finden ihren Weg in Almendras experimentelle Küche.

Almendra: Ich koche und backe für mein Leben gerne. Ich liebe es, Gäste zu bewirten und mit Köstlichkeiten zu verwöhnen. Tolle Gewürze, feine Zutaten, liebevoll angerichtet – in Mexiko nimmt man zu jedem Rezept noch einen Eimer Liebe als Zutat.

geheimnisvoll, verwunschen, exotisch - der Garten (c)NANNI

geheimnisvoll, verwunschen, exotisch – der Garten
(c)NANNI

Wer einmal Almendras Cupcakes und Cakepops gesehen hat, weiß, dass dieser Eimer Liebe dort seine Vollendung findet. Die kleinen Backkunstwerke sehen nicht nur zauberhaft bunt aus, sie schmecken auch wirklich köstlich. Zum Abschied schenkt mir Almendra noch eine kleine Handcreme in Blütenform – natürlich selbstgemacht mit Kräutern, Blüten und rein pflanzlichen Ölen. Kreativität zieht sich durch ihr Leben wie ein bunter Faden.

Almendra: Trotzdem ist das alles irgendwie eine Ersatzkreativität. Meine echte Leidenschaft ist und bleibt die Malerei. Meine Kinder merken das und jetzt, wo sie größer sind, sagen sie zu mir: ‚Mama, mal!‘ Sicher wird dafür auch wieder mehr Raum sein, und ich wünsche mir, dass es hier in Weinheim eine Künstler-Community gibt. Das würde mir gefallen, ein Austausch mit Kreativen und Künstlern mit gemeinsamen Ausstellungen und Veranstaltungen.

Backutensilien für herrlich-bunte Cupcakes (c)NANNI

Backutensilien für herrlich-bunte Cupcakes
(c)NANNI

Almendra kommt richtig ins Schwärmen. Und auch ich finde die Vorstellung, die Weinheimer Künstlerszene aufzumischen, sehr erfrischend. Warum sollte es neben der Veranstaltung *Offene Höfe* im September nicht auch *Offene Ateliers* geben? Bei Almendras Energie und Temperament kann ich mir gut vorstellen, dass es nicht nur bei dieser bunten Idee bleiben wird. Die kleine Duftcreme verbreitet aus meiner Handtasche heraus ein zartes Wohlbefinden, und ich denke mir, egal welche Art von Kunst, sie tut einfach jedem gut.

 

 

 

 

Susanne Michl

Susanne Michl

Senior-Praktikantin

%d Bloggern gefällt das: