Buntes Gemüse – großes Herz

"Auftanken" nach der Schule (c)NANNI

Sein Laden ist eine Institution. Das kleine Lebensmittellädchen von Ahmet Erciyas auf dem Weinheimer Erbsenbuckel ist Dreh- und Angelpunkt der Menschen rund um den Domhof. In diesem Mikrokosmos des gelebten Miteinanders treffe ich Ahmet zum Interview für InWeinheim.de

InWeinheim: Der Erbsenbuckel ohne Ahmet – undenkbar! Seit wann gibt es denn den Laden?

Ahmet: 1981 hat mein Vater das Geschäft eröffnet. Er hat bei der Firma Freudenberg seinen sicheren Job gekündigt und sich selbständig gemacht. Meine Mutter ist bei Freudenberg geblieben, damit die Familie zumindest ein sicheres Standbein hatte. Mein Vater kam 1964 durch seinen Bruder nach Deutschland und holte bald seine junge Frau – meine Mutter – nach. 1970 bin ich im alten Weinheimer Krankenhaus geboren (grinst) – also bin ich echter Woinemer!

InWeinheim: Das heißt, Du bist in Weinheim aufgewachsen, und Deine Eltern waren voll berufstätig?

Ahmet: Ja, das stimmt. Das Ziel war ja, Geld zu verdienen, um sich ein besseres Leben aufbauen zu können. Für mich als Kind hieß das aber, dass ich vier Jahre in der Türkei von meinen Großeltern aufgezogen wurde. Weder mein Vater noch meine Mutter hatten Zeit, mich in den Kindergarten zu bringen und wieder abzuholen, weil die Öffnungszeiten damals noch anders waren als heute. Erst zur Einschulung 1977 bin ich wieder nach Deutschland gekommen.

InWeinheim: Ohne Deutschkenntnisse – logischerweise!

Ahmet: Die Sprache habe ich auf der Straße und im Schulhof gelernt. Sprachförderung wie heute gab es damals nicht. Wir waren größtenteils uns selbst überlassen. In Mathe und Sport war ich ein sehr guter Schüler, das geht auch ohne Deutschkenntnisse. Und der Rest ist eigener Wille.

Wir werden von Kundschaft unterbrochen. Ahmet begrüßt den älteren Herrn mit Vornamen und „Du“. Man kennt und schätzt sich. „Nimm die deutschen Äpfel, die sind besser! Gruß daheim!“

InWeinheim: Wie war denn Deine Jugend in Weinheim?

Ahmet: Es war schon eine schwere Zeit für die Familie. Arbeit, Arbeit, Arbeit und weit weg von der Heimat. Deutsch haben meine Eltern so nebenbei gelernt, und das auch nur von Arbeitskollegen in der Fabrik, die selbst Ausländer waren – Spanier, Italiener, Portugiesen. Der ursprüngliche Plan war eigentlich, nur zehn Jahre in Deutschland zu bleiben, um dann in der Türkei mit dem verdienten Geld, eine Existenz aufzubauen.

InWeinheim: Aus den zehn Jahren sind fünfzig geworden!

Ahmet: Das stimmt – und meine Kinder haben keine Sprachprobleme mehr.

eingelegter Schafskäse mit geheimer Familien-Kräutermischung (c)NANNI
eingelegter Schafskäse mit geheimer Familien-Kräutermischung
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leckere Oliven (c)NANNI

Kundin betritt den Laden. „Brokkoli ist leider schon ausverkauft. Wenn Du morgen um 7.05 Uhr kommst, habe ich ganz frischen! Nimm doch Spinat, der ist auch lecker“. So geht das eine Weile hin und her, und endet in der Kochanleitung für Kartoffelecken. Bei Ahmet gibt es zur täglich frischen Marktware Rezepte und Rat gratis dazu.

InWeinheim: Ahmet, Du bist Vater von drei Jungs. Wie unterscheidet sich ihre Kindheit von Deiner?

Ahmet: Als ich 11 Jahre alt war, hat mein Vater das Geschäft auf dem Erbsenbuckel eröffnet. Von Anfang an hatte ich Verantwortung wie ein Mitarbeiter. Vor der Schule bin ich frühmorgens mit auf den Großmarkt gefahren. Bis die Ware dann im Laden aufgebaut war, war es meistens schon so spät, dass ich in die Karrillonschule rennen musste. Aber ich habe es immer geschafft, vor dem Lehrer im Klassenzimmer zu sein (lacht). Durch den Hintereingang ging’s schneller. Und nach Schulschluss stand ich im Laden, habe die Kasse gemacht und natürlich die Schilder geschrieben, weil mein Vater das nicht konnte. Nach dem Hauptschul-Abschluss war klar, dass ich eine Lehre im Einzelhandel machen wollte. Die Stelle war in Bad Dürkheim in der Pfalz. Mein Vater und ich sind zum Bewerbungsgespräch gefahren und haben sehr lange gebraucht den Ort zu finden… wir haben nach Bad Türkheim gesucht!

Ahmets ansteckendes Lachen wird durch Kundschaft unterbrochen. Diesmal sind es zwei Grundschüler, die mit Fahrradhelmen den Laden betreten. Auch sie werden mit Namen begrüßt. „Heute wieder zwei Gummischlangen oder lieber Schlümpfe?“. Der kleine Laden ist längst kein Insider-Tipp mehr in Sachen Süßigkeiten. Die Boxen mit buntem, leckerem Naschzeug türmen sich am Fenster, und werden jetzt – um 13 h – fein säuberlich auf der Theke aufgebaut. “ Im Gymnasium klingelt es jetzt, und dann muss es schnell gehen.“ Und tatsächlich, kurz nach 13 Uhr, geht es bei Ahmet zu wie in einem Taubenschlag. Fahrräder draußen vor dem Laden, Schüler drängeln sich an die Theke. Entschlossene, Unentschlossene, Unterstufe, Oberstufe – alle verbindet die Lust auf was Süßes nach einem langen Schultag. Ein Junge bezahlt seine „Schulden“, der Zettel wird von der Wand genommen. Eine Welt des gegenseitigen Vertrauens und Respekts.

Und zum Thema Respekt sagt Ahmet: Es gibt in der Türkei einen Spruch, der sagt in etwa: Wo du dein Brot verdienst und isst, ist dein Respekt. Das sehe ich genauso, wir leben hier und nutzen die Gemeinschaft. Es ist für mich selbstverständlich, dass in der Moschee sowohl die türkische als auch die deutsche Flagge gehisst wird, und bei Festen beide Nationalhymnen gesungen werden.

InWeinheim: Der Islam ist in letzter Zeit durch radikale Strömungen oft in Negativ-Schlagzeilen geraten, obwohl die Religion mit dem Islamismus gar nichts zu tun hat. Ist davon auch in Deinem Laden etwas zu spüren?

Ahmet: Hier auf dem Erbsenbuckel leben alle Religionen zusammen, für Islamismus ist hier kein Platz. In meinem Laden diskutieren wir uns zwar oft die Köpfe heiß, aber es wird jede Meinung akzeptiert. Wenn ich merke, dass es meinem evangelischen Nachbarn schlecht geht, sage ich der Pfarrerin der Peterskirche Bescheid, die auch Kundin bei mir ist, damit sie sich um den Mann kümmert. Wir sind eine Gemeinschaft.

Und dann sagt er einen Satz, der aus Lessings „Nathan der Weise“ sein könnte – der wunderschönen Geschichte, in der alle Religionen in Toleranz miteinander leben können:

Ahmet: Wenn es meinem Nachbarn hilft, laufe ich für ihn barfuß nach Mannheim. Egal welche Religion oder Nationalität er hat.

Man nimmt es ihm ab, diese Menschenliebe. Immer freundlich, immer hilfsbereit. Älteren Kunden, die nicht mehr so gut zu Fuß sind, liefert er die Ware ins Haus. Für Kinder hat er immer ein offenes Ohr, ein Fahrrad mit Platten kann bei ihm untergestellt werden. Seit 1991 hat er den kleinen Laden von seinem Vater übernommen und ist jetzt selbst Chef. Wird einer seiner Jungs in dritter Generation in seine Fußstapfen treten?

Ahmet: Das glaube ich eher nicht. Der Älteste ist schon seit fünf Jahren bei EDEKA an der Bergstraße, er hat dort auch nach der Realschule seine Ausbildung gemacht. Der Jüngste ist noch auf der Realschule. Ich würde heute meinen Kindern nicht unbedingt raten, unseren kleinen Laden zu übernehmen. Es ist zwar eine sehr schöne Arbeit, aber doch für einen kleinen Betrieb schwierig gegen die großen anzukämpfen.

Wenn Ahmet so strahlt, sehe ich keine Kampfspuren, höchstens Lachfalten. Ich beneide den Erbsenbuckel um diesen kleinen Laden, der wirklich etwas Besonderes ist. Und manchmal, wenn ich mal wieder zu meinem Gemüseeinkauf eine Portion Gute Laune gratis haben möchte, laufe ich von der Altstadt quer durch die Stadt zu Ahmet.

Dieser Bericht ist Teil der Serie „Buntes Leben in Weinheim„

Susanne Michl

Susanne Michl

Senior-Praktikantin

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