C’est l’amour

Es ist offiziell: Mann & Frau (c)privat

Margit und Lucien – gestärkt in eine gemeinsame Zukunft. (c)NANNI

Liebe kennt kein Alter, keine Nationalität, keine Hautfarbe und schon gar keine Grenzen. Wenn Liebe etwas will, dann lässt sie sich nicht aufhalten. Sie lauert auf, schleicht sich an, prescht nach vorne und schlägt im richtigen Moment zu. Das Opfer ist meist wehrlos und ergibt sich kampflos. Margit und Lucien haben sich gerne ergeben, gekämpft haben sie trotzdem. Sie erzählen mir ihre Geschichte, und ich erzähle sie weiter, damit Ihr sie weitererzählt – eine Liebesgeschichte.

InWeinheim: Margit, ich kenne Dich schon viele Jahre als Schwimmtrainerin bei der TSG. Letzten Sommer im ‚Turnerbad‘ fragte ich Dich, wer der Mann sei, der Dich immer zum Training begleitete. Du hast damals sehr geheimnisvoll geantwortet, dass Du mir jetzt darüber nichts sagen könntest, aber Lucien der Mann an Deiner Seite werden wird. Ich solle mich gedulden (nicht gerade meine Lieblingseigenschaft). Jetzt kam grünes Licht von Dir. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Margit: (lacht laut) Sehr viel ist passiert seit dem Sommer. Das Wichtigste und Schönste ist, dass wir inzwischen verheiratet sind. Aber der Weg dahin war lang.

InWeinheim: Jetzt hast Du schon den Schluss der Geschichte verraten. Mal der Reihe nach – wie habt Ihr Euch kennengelernt?

Margit: Das war 2010 im Urlaub in Tunesien. Ich war das erste Mal alleine unterwegs, meine beiden Töchter sind erwachsen und hatten eigene Pläne. In der Hotelanlage mit internationalem Publikum ist mir Lucien sofort aufgefallen.

Hand in Hand (c)privat

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InWeinheim: Was ist Dir an ihm aufgefallen?

Margit: Es war sein Charme und seine ausgesprochen guten Manieren. Es ist einfach wohltuend, wenn jemand so gut erzogen und zuvorkommend ist.

InWeinheim: Lucien, was hat Dir an Margit denn gleich gefallen?

Lucien: Es ist ihr Lachen. Margit lacht immer und viel. Das ist wunderschön.

Jetzt lachen beide herzlich, und in einem bunten Sprachmix aus Deutsch und Französisch unterhalten wir uns weiter.

InWeinheim: Jetzt sind zwei Wochen Urlaub natürlich nicht das echte Leben. War Euch denn von Anfang an klar, dass Ihr eine gemeinsame Zukunft wolltet?

Margit: Wir haben uns wirklich auf Anhieb sehr gut verstanden, und wohl auch das Besondere gespürt. Aber Pläne für die Zukunft hatten wir damals noch nicht. Als wir uns nach zwei Wochen wieder getrennt haben, versprachen wir uns, Kontakt zu halten. Viele Stunden haben wir geskypt, irgendwann sogar täglich.

Die Elfenbeinküste (Quelle: Wikipedia)

Die Elfenbeinküste
(Quelle: Wikipedia)

InWeinheim: Lucien ist wieder in seiner Heimatstadt in Abidjan an der Elfenbeinküste – ein Land, in dem zu diesem Zeitpunkt durch die Regierungskrise bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten. Über 1 Million Menschen sind auf der Flucht. Was hast Du davon mitbekommen, Margit?

Margit: Lucien hat natürlich immer von den schlimmen Zuständen berichtet. Seine komplette Familie ist ins Nachbarland Ghana geflohen. Lucien blieb zurück, um auf das Haus zu achten. Dass die Situation schwierig war, das wusste ich, aber als ich das erste mal über Skype mitbekam, wie geschossen wurde, war ich geschockt. Ich habe die Einschläge gehört, ich habe gesehen, wie Lucien die Fenster mit Matratzen verbarrikadiert hat. Es war sehr beängstigend.

Lucien: Ich konnte mich nicht mehr frei bewegen, es war einfach zu gefährlich, auf die Straße zu gehen. Als ich dringend Medikamente in der Apotheke holen musste, bin ich den ganzen Weg mit erhobenen Armen gelaufen, um nicht erschossen zu werden. Ich hatte Angst.

Und trotzdem hat es noch bis 2013 gedauert, bis Lucien über die französische Botschaft in Abidjan eine sogenannte ‚carte de séjour‘ – ein Besuchervisum – erhält, mit dem er nach Paris einreisen kann. Sowohl in Italien als auch in Frankreich leben Verwandte von Lucien, die ihn unterstützen möchten. Im Juli 2013 sehen sich Margit und Lucien auf dem internationalen Flughafen Charles de Gaulle nach drei Jahren wieder.

InWeinheim: Kann man dieses Wiedersehen beschreiben?

Margit: Nein, eigentlich nicht. Diese Emotionen lassen sich nicht in Worte fassen, es war einfach unbeschreiblich. Wir sind dann mit dem Zug nach Weinheim gefahren, und ich konnte Lucien meine Heimat zeigen.

InWeinheim: Nicht nur das, sondern auch Deine Familie hat Lucien kennengelernt. Wie waren die Reaktionen?

Margit: Es wäre jetzt übertrieben zu sagen, dass alles gleich Friede-Freude-Eierkuchen gewesen wäre. Meine jüngere Tochter war anfangs doch geschockt, als sie merkte, dass es uns wirklich ernst war. Bei meiner älteren Tochter ist der Funke gleich übergesprungen. Lucien und sie haben eine ganz besondere und innige Verbindung. Meine Mutter, eine starke und freie, durch und durch unabhängige Frau, freundete sich recht schnell mit dem Gedanken an, dass Lucien mehr als nur ein Urlaubsflirt sein sollte.

InWeinheim: Hat die Hautfarbe eine Rolle gespielt?

Erst im zweiten Blick nimmt man die Hautfarbe wahr.

Margit: Ich finde, Lucien wirkt durch sein Erscheinen, sein Auftreten. Erst im zweiten Blick nimmt man die Hautfarbe wahr.

Es ist offiziell: Mann & Frau (c)privat

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InWeinheim: Vom Sommer 2013 bis zur Hochzeit im Winter 2015 hattet Ihr aber noch einen langen Weg zu bestreiten.

Margit: Unglaublich, welche Hürden wir überwinden mussten. Im September 2014 haben wir den ersten Anlauf genommen, unsere Hochzeit zu planen. Papiere bei der Botschaft in Abidjan zu bekommen,  hat sich als reines Glücksspiel herausgestellt. An der Elfenbeinküste ist 1999 das Archiv mit vielen Dokumenten abgebrannt. Luciens Geburtsurkunde war auch dabei. Das Standesamt Weinheim hat versucht, die entsprechenden Ersatzpapiere anzufordern, das Oberlandesgericht in Karlsruhe war involviert. Verkompliziert hat sich die Sache dadurch, dass die Anträge und Papiere nicht älter als vier Monate sein dürfen. Danach fängt die ganze Prozedur wieder von vorne an. Über ein ganzes Jahr ist verstrichen, ohne dass wir Aussicht auf Erfolg hatten. Irgendwann haben wir uns schweren Herzens von dem Gedanken verabschiedet, in Weinheim zu heiraten. Die Vorstellung, mit einem relativ geringen Aufwand in Dänemark heiraten zu können, hat uns dann doch überzeugt. Meine beste Freundin und ihr Mann haben sich sofort als Trauzeugen angeboten. Das war für mich sehr wichtig, und konnte mich ein wenig darüber hinweg trösten, dass meine beiden Töchter aus beruflichen Gründen nicht dabei sein konnten. Wir haben aber selbstverständlich zu Hause in Weinheim alle zusammen nachgefeiert, und das passenderweise am 21. November. Der Tag, an dem sich Weinheim offen und bunt dem NPD-Parteitag entgegengestellt hat. Irgendwie eine schöne Symbolik.

InWeinheim: Welche Reaktionen erlebt Ihr im Alltag?

Margit: Durchweg positive. Die Nachbarn sind sehr aufgeschlossen und haben Lucien nett aufgenommen. Ein Ehepaar im Haus hatte kurzzeitig das Grüßen eingestellt. Das war eine etwas eigenartige Situation, die sich aber ganz schnell wieder gelegt hat. Ich denke, es ist einfach Luciens positive Ausstrahlung, die als sehr angenehm empfunden wird. Er hat auch sofort eine Arbeitsstelle im Hotel ‚Halber Mond‘ in Heppenheim bekommen, und arbeitet dort in einem netten Team bei einem tollen Chef.

InWeinheim: Lucien, ich frage Dich jetzt direkt, wie wirken denn die Vorkommnisse in Köln und anderen Städten auf Dich?

Respecté la dignité humaine!

Lucien: Köln ist für mich mit einem Wort: bizarr. Ich kann für mich sagen, dass ich besser integriert bin! Es hat mit Respekt zu tun, dass ich die Gesetze von Deutschland achte. Das deutsche Gesetz schützt auch mich. Für mich ist Artikel 1 des Grundgesetzes eine Aussage, die für alle Menschen gilt, und die alle Menschen auch zu befolgen haben: ‚respecté la dignité humaine‘! Wir haben in meiner Heimat den Spruch: ‚Nimm den Frieden mit in das Land, in dem Du lebst. Wenn der Frieden in Dir ist, ist auch das Land im Frieden.‘

Margit: Lucien ist christlich erzogen und absolut bibelfest. Er diskutiert gerne über religiöse, politische und gesellschaftliche Themen. Er ist immer auf der Suche nach einem interessanten Gespräch und würde am liebsten eine Diskussions-AG oder einen Debattierclub besuchen.

(c)NANNI

Beide lachen, und man merkt, dass es genau das Gespräch ist, das Grenzen überwindet. Grenzen in den Köpfen, die unser Miteinander einengen. Margit und Lucien haben sich über alle Grenzen hinweggesetzt und leben ihren eigenen Traum von Toleranz. Mutig und fröhlich.

Dieses Interview ist Teil aus der Reihe Buntes Leben in Weinheim

 

Susanne Michl

Susanne Michl

Senior-Praktikantin

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