Das Leben erwartet dich!

Das Leben erwartet dich! (c)NANNI
Das Leben erwartet mich! (c)NANNI

Das Leben erwartet mich!
(c)NANNI

Jahreswechsel – Zeit zum Zurückschauen, Blick in die Zukunft. Was wollen wir ändern, an was wollen wir festhalten? Für Annemarie Rösner war das Jahr 2015 ein ganz besonderes. Die Diagnose Krebs und das volle Therapieprogramm bestimmten ihr Leben im letzten Jahr. Dieses Jahr hat sie verändert, sie an die Grenzen gebracht, stark gemacht. In einem gemeinsamen Projekt mit dem Musiker Marco Augusto hat die Weinheimerin ein Musikvideo gedreht, das ihre Geschichte erzählt. Zu dem italienischen Pop-Song „La vita mi aspetta“ (Das Leben erwartet mich) sehen wir die intensiven Bilder einer starken Frau, die ins Leben tanzt.
InWeinheim: Annemarie, mit welchen Gefühlen schaust Du auf das Jahr 2015 zurück?

Annemarie: Es war ein abgefahrenes Jahr! (lacht)…aber man kann es schaffen und man geht anders raus. Die Krankheit, die Schmerzen, die Hoffnung und die Angst waren so präsent, so körperlich spürbar, dass das Jahr zu dem intensivsten meines Lebens wurde.

Im Sommer 2014 ertastet die Gymnasiallehrerin für Kunst und Deutsch einen Knoten in der rechten Brust. Sie berichtet ihrer Frauenärztin davon, die sie damit beruhigt, dass Brustkrebs im Alter von 28 Jahren sehr unwahrscheinlich sei. Annemarie glaubt ihr, vielleicht auch, weil sie ihr glauben will. Im Dezember 2014 sind der Knoten und die Zweifel immer noch da. Es ist ihre Freundin, die darauf besteht, der Sache auf den Grund zu gehen. Bei vier Gynäkologen in Weinheim erhält sie keinen Termin vor März – das wären drei Monate Ungewissheit. In einer Praxis in Heddesheim bekommt Annemarie sofort einen Untersuchungstermin, der mit der sofortigen Überweisung ins Brustzentrum des Weinheimer Krankenhauses endet: die Maschinerie läuft an. Mammografie, MRT, Biopsie und am 20. Januar die Gewissheit, bösartiger Tumor und bereits befallene Lymphknoten.

Annemarie: Krebs ist so ein surreales Wort, es war so unendlich weit weg für mich. Jetzt war ich mittendrin, und sollte das Rund-um-Paket bekommen: Chemo, Operation, Bestrahlung.

InWeinheim: Wie hast Du Dich mit der Diagnose gefühlt?

Annemarie: Es war einfach schwer fassbar. Mit dem Schicksal habe ich nie gehadert und mir die Frage gestellt, warum ich, warum trifft die Krankheit mich?. Ich hatte das Gefühl, dass ich dankbar sein musste, doch noch früh genug die Diagnose erhalten zu haben. Was mich am meisten belastet hat, war die Auseinandersetzung mit dem Thema Zukunft und Familienplanung. Ich hatte schon ein vages Bild von mir mit Baby, irgendwann. Dass ich mich jetzt unter Druck damit auseinandersetzen sollte, war ein harter Akzeptanzprozess. Krebs und Kind sind zwei Dinge, die nicht zusammenpassen, und du musst dich von Wünschen und Vorstellungen verabschieden, die dich bis dahin begleitet haben. Auch von dem Bild, ein Baby an der Brust zu stillen. Die Krankheit nimmt dir die Möglichkeit einer freien Entscheidung und gibt die Richtung vor, die dein Leben ab jetzt einschlagen wird. Ich habe mich zwar für eine Eizellenentnahme entschieden, was die Zukunft jedoch bringt, kann niemand sagen.

La vita mi aspetta.

La vita mi aspetta. (c)Marco Kunz

InWeinheim: Im Weinheimer Krankenhaus gehört ja zur gynäkologischen Abteilung auch die Geburtshilfe.

Annemarie: Ja, dort wird spürbar, wie nahe Freud und Leid beieinander liegen. Es hat auch etwas Hoffnungsvolles, dass auf dem Gang gegenüber praktisch das Gute liegt, das Leben.

InWeinheim: Auf einmal wird ja die Klinik zum Lebensmittelpunkt. Wie war das für Dich?

Annemarie: Ich hatte vom ersten Moment an das Gefühl, im Brustzentrum der Weinheimer Klinik in besten Händen zu sein. Die Betreuung ist kompetent und liebevoll zugleich. Ich habe komplettes Vertrauen in die Ärzte und hatte auch nie das Bedürfnis, eine Zweitmeinung einholen zu müssen. Das Gefühl bei euch kann ich krank sein, ihr kümmert euch schon um mich, hat mich auch durch schwere Zeiten getragen. Die Ärzte, die Schwestern und Therapeuten – alle Menschen, die dort arbeiten, begegnen dir mit ehrlichem Interesse. Die Gespräche haben eine tiefe Qualität, sie sind besonders. Ich vergesse nie die Unterhaltung mit einer Reinigungskraft, die mir riet, kein grünes Shirt mehr zu tragen. Grün würde mir nicht guttun, weil die Farbe Grün für Wachstum stehen würde, auch für Zellwachstum von Krebszellen.  Diese Aussage hatte schon etwas Spirituelles, aber mein grünes Shirt habe ich verbannt. (lacht)

InWeinheim: Wie haben denn Deine Familie, Dein Partner auf die Diagnose reagiert?

Annemarie: Die erste Reaktion meines Partners war eine klare Kampfansage an den Tumor, den hauen wir weg!. Es war klar, dass er an meiner Seite ist. In meiner Familie hat besonders meiner Oma die Diagnose zu schaffen gemacht. Sie konnte es schwer ertragen, es war für sie einfach die falsche Reihenfolge. Jeden Tag habe ich mit ihr telefoniert – manchmal nur ein ganz kurzes Hallo. Für sie war die Vorstellung, dass es mir schlecht gehen könnte, eine echte Belastung. Bei ihr habe ich auch manchmal etwas geschummelt, auf die wie-geht’s-Frage. Generell bin ich aber der Meinung, dass derjenige, der dich nach deinem Befinden fragt, auch die Antwort aushalten muss, egal in welcher Richtung.

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Annemarie blickt kraftvoll in die Zukunft. (c)NANNI

InWeinheim: Annemarie, ich kenne Dich vor Deiner Krankheit mit langen, roten Wuschellocken. Es war klar, dass Du bei der Art von Chemotherapie Deine Haare verlieren würdest. Kann man sich darauf vorbereiten?

Annemarie: Es ist die Frage Wie werde ich aussehen?, die dich umtreibt. Meine Friseurin hat sich rührend um mich gekümmert, und auf ihr Anraten habe ich noch vor der Therapie die Haare auf Boblänge gekürzt. Wir haben beide dabei geweint. Als dann tatsächlich der unabwendbare Haarausfall kam, und überall in der Wohnung, auf dem Kissen Haarbüschel lagen, konnte ich erst richtig begreifen, um was es ging. Erst jetzt war ich auch bereit für die Glatze. Ich rief bei meiner Friseurin an, die an einem Montag nur für mich den Laden öffnete, und ihr Mann rasierte mir den Kopf. Ich sah ihm im Spiegel dabei zu. Für den Nachhauseweg hatte ich eine Perücke an, die wir schon vorbereitet hatten. Ich kam in die Wohnung und mein Freund empfing mich lautstark mit „Nothing compares to you“ von Sinead O’Connor. Es war das erste und einzige Mal, dass ich die Perücke trug. Es hat sich einfach nicht gut angefühlt. Tücher und Mützen waren viel kuschliger und viel mehr ich. Ich werde nie die Reaktion einer Frau in der TSG vergessen, die mich entsetzt fragte: ‚Was hast du denn mit deinen schönen Haaren gemacht?‘ Diese Formulierung war so absurd; hatte doch nicht ich etwas mit meinen Haaren gemacht, sondern die Krankheit. Rückblickend kann ich auch sagen, dass die Zeit, in der du auf den Haarausfall wartest, viel belastender ist, als die Zeit mit Glatze. Denn ab diesem Zeitpunkt ist klar, dass die Haare ja wieder wachsen werden, und damit wächst auch die Hoffnung.

InWeinheim: Gab es Zeiten, in denen dich die Hoffnung verlassen hat?

Annemarie: Am Anfang habe ich die Chemo wirklich sehr gut vertragen. Mir wurde nicht übel und ich konnte weiterhin zum Tanzen gehen. Energy Dance ist meine Leidenschaft, da spüre ich das Leben ganz intensiv. Ich war glücklich, dass ich tanzen konnte. Leider hat diese Zustand nicht angehalten, und mir ging es irgendwann richtig schlecht. Mein Körper hat einfach schlapp gemacht. Das war eine sehr existentielle Erfahrung, denn obwohl es mir körperlich so schlecht ging wie noch nie, war mein Inneres zufrieden. Ich habe die deutliche Trennung von Körper und Geist gefühlt und eine tiefe Dankbarkeit, am Leben zu sein. Du stellst Dir die Frage, Wenn’s jetzt zu Ende ginge, wäre ich dann zufrieden mit dem, was ich bisher in 28 Jahren geleistet habe?. Ich konnte diese Frage für mich mit einem deutlichen Ja beantworten. Zu diesem Zeitpunkt wäre ich meinem Körper nicht mal böse gewesen, wenn er es nicht geschafft hätte.

Aber er hat es geschafft! Er hat sich durch die Chemo gekämpft, die Operation überstanden und die Bestrahlung gemeistert. Viele Wochen, die angefüllt waren mit Schmerzen, Zweifeln und Ängsten. Die Behandlung ist abgeschlossen, jetzt gilt es, Verantwortung für das neue Leben zu übernehmen.

InWeinheim: Wie fühlt sich denn dein neues Leben an?

Annemarie: Auch wenn die Normalität zurückkehrt, wird doch nichts mehr so sein wie es war.  Wer einmal gezwungen wurde innezuhalten, verändert seine Sichtweise auf das Leben komplett. Kleinigkeiten gewinnen an Bedeutung, und jeder Tag ist ein Geschenk. Auf einmal bin ich ein Fan von Gelegenheiten, ich will spontan sein und mein Leben nicht verplanen. Zeit hat einen neuen Wert bekommen.

Der Künstler Marco Augusto komponiert, textet und performed gefühlvollen Italo-Pop. (c)Marco Kunz

Der Künstler Marco Augusto komponiert, textet und performed gefühlvollen Italo-Pop.
(c)Marco Kunz

InWeinheim: In dieser neuen, wertvollen Zeit ist das Video „La vita mi aspetta“ entstanden. Wie ist es zu dieser Idee gekommen?

Annemarie: Der Mann meiner Freundin arbeitet beim Hessischen Rundfunk und hat eine Leidenschaft fürs Filmedrehen. Und er hat einen Bruder, den Musiker und Songwriter Marco Augusto, der seit 14 Jahren dieses wundervolle Lied in der Schublade hatte. Ein Lied, über die Abgründe, Krisen, die Tiefe des Ozeans, und doch ein starker und hoffnungsvoller Gruß an das Leben. Ich habe mich sofort in dem Text erkannt und dem Videodreh zugestimmt. Nur eine Bedingung hatte ich, es musste MEINE Geschichte sein, an meinen Orten, die mir etwas bedeuten: Waidsee, Weinheimer Krankenhaus, die EnergyDance-Gruppe in der TSG. Nur dann kann unsere Botschaft authentisch sein, und die Menschen spüren, dass Musik und Bilder aus einem wahrhaftigen, respektvollen Lebenswillen heraus entstanden sind.

Diesen absoluten Lebenswillen spüre ich auch in unserem Gespräch. Aus Annemaries Augen blitzt das Strahlen einer Siegerin. In den unfreiwilligen Schulferien, die sie letztes Jahr hatte, weil sie nicht unterrichten konnte, hat Annemarie wieder angefangen zu malen. Großformatig, symbolträchtig und farbenfroh – die Göttin Athene in ihrer Rüstung bereit für den Kampf. Noch ist das Bild nicht fertig, aber den Kampf hat Annemarie schon gewonnen.

 

 

 

Susanne Michl

Susanne Michl

Senior-Praktikantin

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