Das Unsichtbare sichtbar machen

Der für uns gelbe Sonnenhut hat für Bienen und Schmetterlinge interessante Muster. (c)Dr. Klaus Schmitt

 

Vom Zauber der Natur, Zartheit der Technik oder der Wahrheit der Wahrnehmung

InWeinheim im Gespräch mit Dr. Klaus Schmitt

Wer sieht die Wahrheit –
Mensch, Biene oder Schmetterling?
(c)Dr. Klaus Schmitt

Der Anfang mit der Kamera ähnelt vielen – eine kleine Agfa als Geschenk zum 10. Geburtstag, mit einer 12-Bilder-Filmrolle und der Spannung, nach drei Wochen Entwicklungszeit, die Fotos endlich in den Händen halten zu können. Der Grundstein für eine beginnende Leidenschaft war gelegt. Der Großvater gibt ihm die Liebe zur Natur weiter, die mittlerweile 98jährige Großtante mit ihrem eigenen Fotogeschäft ist sicher auch nicht ganz unschuldig an dem neuen Hobby. So wird sich Klaus mit 16 Jahren eine eigene Dunkelkammer einrichten, um selbst entscheiden zu können, wie hell Licht und wie dunkel Schatten ist. Das Studium der Elektrotechnik ist konsequent für den jungen Mann, der nur glaubt, was er messen kann – Traumberuf Ingenieur. An der Technischen Hochschule in Darmstadt arbeitet Klaus mit dem Arpanet, dem Wegbereiter des Internet. Eine ungewöhnliche technische Rettungsaktion macht ihn zum Helden seines Dozenten. Als dieser aus Schusseligkeit über seine fast fertige Dissertation eine volle Tasse Kaffee schüttet, ist es Klaus, der das einzige Manuskript rettet. Mit der Idee, die braunen Kaffeeflecken durch monochromes Licht weg zu kopieren, kann die wissenschaftliche Arbeit gerettet werden. Und auch Klaus‘ Zukunft an der Universität ist erstmal gesichert – er bleibt als Dozent weitere fünf Jahre und schreibt in dieser Zeit seine Dissertation (ganz ohne Kaffeeflecken).

Mit Bienenaugen betrachtet wirken Muster und Farben überraschend neu – Facetten durch Facettenaugen.
(c)Dr. Klaus Schmitt

inWeinheim: Was siehst Du, was wir nicht sehen?

Dr. Klaus Schmitt: Als Fotograf schaut man die Welt mit anderen Augen an, es ist der Blick auf Dinge und Details.

inWeinheim: Aber die Sache mit UV-Licht ist schon noch mal ein ganz anderes Fotografieren.

Dr. Klaus Schmitt: Ja, ist es. Als ich vor vielen Jahren ein ultraviolettes Bild betrachtet habe, fing ich an zu recherchieren. Das menschliche Auge kann UV-Licht, so wie es einige Tiere nutzen, nicht wahrnehmen. Mich fasziniert, wie die Natur es eingerichtet hat, dass die UV-Sichtigkeit zu einem evolutionären Vorteil wurde. Das gilt zum Beispiel für Rentiere, die in ihrem *schneeweißen Lebensraum* durch das ultraviolette Sehen, Nahrung und Fressfeinde schneller erkennen können. Ein Falke oder Bussard ist durch seine zusätzliche UV-Sichtigkeit fähig, seine Lieblingsbeute – die Maus – schneller zu jagen: Mäuse-Urin ist kräftig UV-farben. Diese Fähigkeit sichert so gewissermaßen die Arterhaltung.

Der für uns gelbe Sonnenhut hat für Bienen und Schmetterlinge interessante Muster.
(c)Dr. Klaus Schmitt

inWeinheim: Die Natur ist bunt und hat ihre eigenen Farben und Regeln. Das Farbensehen bei der Biene ist mittlerweile richtig gut erforscht.

Dr. Klaus Schmitt: Das stimmt, mit ihren Komplexaugen sehen Bienen die Blütenpracht völlig anders als wir Menschen. Wir sehen blau, grün und rot, die Insekten in UV, blau und grün, aber nicht in rot. Im Ultraviolett existieren Blütenmuster, die wir nicht wahrnehmen können, die man aber sichtbar machen kann. Man spricht sogar von Bienenfarben, wie z. B. *Bienenweiß“* und *Bienenschwarz* oder auch von *Bienenpurpur*. Nur die Blautöne entsprechen in etwa der menschlichen Blauwahrnehmung. Die Blüten einer Pflanze, die den Bienen besonders auffallen, haben einen Vorteil für die Bestäubung. Das hat die Natur schon sehr raffiniert eingerichtet.

Farbe ist also nicht einfach da. Sie entsteht nur in dem Moment des Sehens. Unsere Wahrnehmung der Farbe besteht aus der Zusammenarbeit zwischen Augen und Gehirn. Unser Gehirn empfängt und verarbeitet die Licht- und Helligkeitsimpulse nach einem hochkomplizierten Ordnungssystem, besser als jeder Computer der Welt.

inWeinheim: Du möchtest mit Deiner Technik zu fotografieren den Betrachter in eine andere Sichtweise der Welt entführen.

ZDFzeit im August 2015
(c) ZDF

Dr. Klaus Schmitt: Die Frage ist doch die, wie sehen wir die Welt und wie nehmen wir sie wahr? Ist unsere Wahrnehmung die Wahrheit? Die Schönheit der Natur lehrt uns, dass es viele Wahrheiten gibt. Natürlich fasziniert mich auch die Technik, mit der ich diese – für Menschen unsichtbare – Welt sichtbar machen kann. Ich habe an der Entwicklung spezieller Filter mitgearbeitet und eine eigene Technik entwickelt, Macrolinsen einzusetzen. Ich arbeite mit keinem Bildbearbeitungsprogramm, das heißt, meine Aufnahmen sind nicht digital verändert. Es geht im Grunde darum, Filter zu verwenden, um mit Vogel- oder Insektenaugen auf die Welt zu blicken.

inWeinheim: UV-Fotografie ist ja nicht nur eine ästhetische Spielerei, auch in der Wissenschaft wird diese Spezialtechnik genutzt.

(c) Ryan Hursh for sisterMAG Eventlocation: GebrüderFritz, Berlin

Klaus in Action am Set (c)Ryan Hursh for sisterMAG
Eventlocation: GebrüderFritz, Berlin

Dr. Klaus Schmitt: Die Wissenschaft wäre ohne diese Technik gar nicht so weit wie sie ist. Egal ob in der Paläontologie oder Archäologie, um Strukturen auf unterschiedlichstem Untergrund sichtbar zu machen. In der Forensik wird mit UV-Licht das Sichtbarmachen von Fingerabdrücken oder auch Blutspuren erst möglich. Für die Dermatologie können Hautschäden sichtbar gemacht, die das Sonnenlicht, also die UVA- und UVB-Strahlung, angerichtet haben. Im August 2015 habe ich auf Anfrage des ZDFs an einer Verbrauchersendung mitgewirkt, in der es um den wichtigen und richtigen Einsatz von Sonnencremes ging. Es ist beeindruckend, wenn der Prozess des Eincremens sichtbar wird, und vor allen Dingen, wie oft ganze Bereiche der Haut beim Eincremen vergessen werden. Auch für das Schweizer Pharmaunternehmen Galderma war ich mit meiner Kamera tätig: bei einem Blogger-Event in Berlin habe ich den Einsatz von Sonnencreme zum Schutz vor Hautkrebs visualisiert. Dieses Sichtbarwerden des einerseits bekannten, aber immer doch gerne verdrängten, Risikos ist einfach verblüffend.

inWeinheim: Du bist aber auch schon auf internationaler Ebene als Fotograf angefragt worden!

Dr. Klaus Schmitt: Für das amerikanische Wissenschaftsmagazin *Nautilus* habe ich eine Reportage fotografisch begleitet, wie Tiere die Welt sehen. Für die BBC habe ich an einer Produktion in der Reihe *Richard Hammond’s Invisible Worlds* mitgewirkt, in der auch meine Arbeiten zu sehen sind. Der Anspruch des Direktors der BBC spiegelt sich in meinen Fotografien wider: wir müssen faszinieren. Genauso sah das auch der bekannteste Natur-Dokumentator Sir David Attenborough, der mich zu seiner 3D-Produktion in die Royal Botanic Gardens, Kew nach London einlud. Für meine Arbeit war das ein Ritterschlag.

In der Video-Sequenz „Solving the Secrets“ aus der beeindruckenden Produktion mit Sir David Attenborough stecken drei Monate Arbeit.

inWeinheim: Deine Bilder faszinieren auf jeden Fall. Erzähle uns über Deine Ausstellung im Gasometer in Oberhausen *Wunder der Natur*!

Dr. Klaus Schmitt: Die höchste Ausstellungshalle Europas – das Industriedenkmal Gasometer in Oberhausen –  feierte die Intelligenz der Schöpfung. Bildgewaltige, großformatige Fotografien und überwältigende Filmausschnitte machten die Ausstellung zu einer faszinierende Reise in unseren Planeten. Dass ich angefragt wurde, einige meiner Arbeiten

Gasometer in Oberhausen

Gasometer in Oberhausen

dort auszustellen, hat mir schon auch Spaß gemacht. Mein Foto einer Zinnien-Blüte in 3 Meter Größe mit LCD Video-Projektion im Vordergrund wirkt in seiner Farbenpracht beeindruckend.

 inWeinheim: Das sind großartige, international beachtete Ausstellungen, die selbstverständlich Lizenzgebühren bei Dir bezahlen müssen. Du stellst aber genauso großzügig Deine Arbeiten zur Verfügung, wenn…

Dr. Klaus Schmitt: … wenn mit meinen Fotos kein kommerzieller Gewinn erzielt wird. Das ist ganz einfach, kostet eine Ausstellung keinen Eintritt, verlange ich auch keine Gebühren. Wenn der Bildungsauftrag im Vordergrund steht, stelle ich gerne meine Arbeiten zur Verfügung. Wie zum Beispiel für Lehrkarten in den Alpen, für das Kindermuseum in Mexico-Stadt Paplote Museo del Niño, México City oder auch das San Francisco Science Museum, Golden Gate.

 inWeinheim: Dein Fotoblog heißt Photography of the Invisible World – das Unsichtbare hat für Dich einen besonderen Reiz.

Dr. Klaus Schmitt: Ich fotografiere Licht! Die Schönheit der Natur, in all ihrer Zartheit, Tranzparenz und Struktur, lasse ich sichtbar werden. Im Moment des Fotografierens bin ich eins mit der Welt, die Zeit steht still. Es ist fast ein meditativer Akt, sich von der Faszination berühren zu lassen.

inWeinheim: Das hört sich ja ehrfürchtig an, fast schon metaphysisch.

Dr. Klaus Schmitt (schmunzelt): Naja, ein Staunen vor der Ästhetik der Natur kann dich in eine andere Welt führen – vielleicht sogar in DIE Welt.

Danke, Klaus! (c)NANNI

Dieses faszinierende Gespräch ist Teil unserer Reihe Buntes Leben in Weinheim. Wir haben uns entführen lassen in das Geheimnis der Natur, dass nichts ist wie es scheint und in die Faszination, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Dass der international gefragte Fotograf Dr. Klaus Schmitt den Hermannshof besonders liebt, macht uns Weinheimer natürlich auch ein bisschen stolz.

 

 

 

 

Susanne Michl

Susanne Michl

Senior-Praktikantin

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