Dem Trend der Welt widersprechen

Arcangelo Gabriele D’Alessandro: “Love what you do or leave.“

Arcangelo Gabriele D’Alessandro:
“Love what you do or leave.“

Wie ein italienische Künstler ein deutscher Architekt wurde, um ein internationaler Designer zu werden. Ein Gespräch mit Arcangelo Gabriele D’Alessandro 

inWeinheim: Wie kommt ein italienischer Künstler nach Weinheim?

Geboren und aufgewachsen bin ich in der Basilicata in Süditalien, einer unberührten Region voller Inspiration und Magie, der ich sehr verbunden bin. Nach dem Abitur zog es mich nach Florenz, um dort Kunst und Architektur zu studieren. Schon in diesen Jahren habe ich Deutschland aus verschiedensten Gründen oft besucht und war von Beginn an fasziniert von der Kultur, den Landschaften und den Menschen. Im Studium lernte ich eine echte Weinheimerin kennen, und es war Liebe auf den ersten Blick. 15 Jahre lang lebten und arbeiteten meine Frau und ich als Künstler und Freie Architekten in meinem Heimatort und gründeten eine Familie. In dieser Zeit habe ich mir immer die Neugier und den Drang bewahrt, weit nach vorne zu schauen, Neues auszuprobieren und zu experimentieren. Ich habe Weinheim immer mit Vergnügen besucht und als eindrucksvoll erlebt, mit seinen beiden Burgen, den Türmen der alten Stadtmauer, der schönen Altstadt und einer Natur, welche die Stadt einrahmt, ja fast umarmt. Weinheim ist für mich ein lebendiger kultureller Kontext voller Reize und Inspirationen. Daher haben wir uns vor vier Jahren entschlossen, mit unserer Familie hier zu leben.

inWeinheim: Architekt, Designer, Künstler oder Designer, Künstler, Architekt – in welcher Reihenfolge findest Du Dich am ehesten wieder?

Porträts, die in die Seele blicken.

Aktuell sehe ich mich beruflich mehr in der Reihenfolge Designer, Künstler, Architekt. Begonnen aber hat mein ganzes Schaffen mit der Welt der figurativen Kunst. Obwohl ich eine eher wissenschaftliche Schulbildung erhalten habe, verbrachte ich den größten Teil meiner Jugend mit Bleistift und Pinsel in der Hand. Kaum mehr als ein Teenager zeichnete ich stundenlang Stillleben, Porträts und Akte, und wahrscheinlich entwickelte ich in dieser Zeit ein Gespür für Dinge und Objekte (oft Fetische), die ich durch das Zeichnen in Besitz nahm.

Der Übergang zu Design und Architektur war fast natürlich und vervollständigte bzw. erweiterte in gewissem Sinne meine künstlerische Seite, bereicherte sie mit Disziplin, Methodik und konkreten Zielen. Design ist für mich der natürliche Treffpunkt zwischen dem künstlerischen und dem wissenschaftlicheren bzw. technischeren Bereich der Architektur. In der Tat wäre es richtiger zu sagen, dass Design der virtuelle Ort ist, an dem sich diese beiden Disziplinen treffen und in einem osmotischen Austausch die richtige Synthese finden.

inWeinheim: Was reizt Dich daran, einen Bleistift zu designen?

Seit meiner Kindheit habe ich zwei Leidenschaften, die mich nicht mehr verlassen haben: die Freihandzeichnung und das Sammeln der hierfür notwendigen Werkzeuge. Der Bleistift oder “lapis“, wie man in der Toskana sagt, ist gleichzeitig ein leichtes und potentes Werkzeug. Wir hinterlassen damit Spuren, kommunizieren, spielen, machen Notizen, bezeugen unseren irdischen Aufenthalt… für mich ist der Bleistift ein unverzichtbares Werkzeug.

Wie so oft in kreativen Prozessen werden die überzeugendsten Ideen in den unwahrscheinlichsten Momenten geboren. Die Idee für „Matta“ kam mir eines Tages in den Sinn, als ich am Strand in der Nähe des Schilfs saß und – was selten vorkommt – keinen Bleistift dabei hatte. Von einer unbändigen kreativen Dringlichkeit ergriffen, fand ich einige verkohlte Holzstücke, die ideal zum Zeichnen, jedoch zu klein zum Halten waren. Mit Hilfe eines Schilfrohrs und eines Gummibandes schuf ich einen primitiven Minenstift. Ich war beeindruckt von der Einfachheit und Eleganz des soeben erstellten Artefakts und wollte unbedingt einen Bleistift mit ebendiesen Eigenschaften designen.

inWeinheim: Ein Minenstift ist ein Alltagsgegenstand. Was ist an Deinem Matta besonders?

Form und Ästhetik treffen sich in diesem Bleistift, der auf alle üblichen Mechanismen verzichtet.

Matta ist ein besonders schlichter Minenstift ohne Mechanismen oder Metallteile wie Federn, Schrauben und dergleichen. Der Stift erfüllt seine Funktion, indem er ein elementares Prinzip der Physik ausnutzt: Reibung. Matta ist extrem leicht, gut ausbalanciert und einfach zu handhaben. Der Stift kann von Erwachsenen und Kindern verwendet werden. Er hat eine kompakte, fast monolithische Form und beeindruckt trotz seiner geringen Größe in Form und Ästhetik.

Was das Designobjekt einzigartig macht, ist die Kombination aus zwei Elementen, die zusammen seine ästhetische Dimension definieren. Der monolithische Mantel hat einen achteckigen Querschnitt und ist hinten mit einer leicht abgeknickten Öffnung und einem Schrägschnitt ausgestattet. Das dünnere Kernstück hat eine leichte äußere Verbreiterung, wodurch die Mine nach dem Einsetzen durch den richtigen Druck in ihrer Position gehalten wird. Es gibt zwei verschiedene Kernstücke für Minen mit einem Durchmesser von 2 bzw. 3 mm.

Matta ist vollständig mit 3D-Drucktechnologie gezeichnet und hergestellt. Die Wahl von Technologie und Material ist auf einen langen Forschungs- und Experimentierprozess zurückzuführen. Die Produktion wird mittels Lasers  intern ausgeführt, wobei die Werkstücke aus pulverförmigem Nylon in Schichten hergestellt und anschließend durch Infiltration eingefärbt werden.

inWeinheim: Was macht für Dich besonderes Design aus?

Heutzutage ist es nicht einfach, die Elemente und Eigenschaften zu umschreiben, welche die Werte eines guten Designs allgemein definieren. Sicherlich werden Objekte immer aufwändiger und komplexer und oft mit verschiedenen elektronischen Komponenten ausgestattet, die sie attraktiver machen. Es wird jedoch immer schwieriger, ihre Ästhetik und Funktionsweise zu verstehen. Persönlich bin ich sehr fasziniert von einfachen Dingen, die in der Lage sind, dem Trend einer Welt zu widersprechen, die immer schneller und inhaltsreicher wird. Es ist kein Zufall, dass einige Designobjekte der 50er- und 60er-Jahre den Charme bewahren, der sie zu ihrer Zeit in Ikonen des modernen Designs verwandelt hat. Ich denke z.B. an die Lampe Arco von Castiglioni, ein fantastisches Objekt, das sich aus sehr wenigen Teilen zusammensetzt, aber immer noch sehr aktuell ist.

Flagship Store in Neapel des italienischen Luxus-Herrenausstatters Borrelli

inWeinheim: Woher bekommst Du Deine Inspirationen?

Das ist die Eine-Millionen-Euro-Frage. Kreative Prozesse sind sehr persönlich und für die Kreativen selbst oft unverständlich. In meinem Fall ist eines sicher: Meine besten Inspirationen werden aus der Leere geboren. Wenn ich etwas Neues denke oder entwerfe, mache ich das natürlich auch, indem ich meinen Ideen-Pool voll ausschöpfe, aber die (zumindest für mich) brillantesten Intuitionen kommen ganz von selbst in den unwahrscheinlichsten Momenten. Das kann z.B. im Wartezimmer einer Arztpraxis sein, während eines Konzerts oder im Kino, wobei das winzige Detail einer Filmszene entscheidend sein kann.

Mein kreativer Prozess ist stark mit einem traumhaften, unbewussten Ansatz verbunden, bei dem der irrationale Teil das Medium ist, das die Vernunft zu unkonventionellen Lösungen bringt, vielleicht vergleichbar mit einem Schamanen. Ein weiterer wichtiger Aspekt für mich ist das Spiel, also das echte Spiel wie das der Kinder. Denn diese haben die Fähigkeit, Dingen ein neues Leben einzuhauchen und begreifen Spielen nicht im Sinne von Suchen, sondern von Finden.

inWeinheim: Welches Objekt würdest Du gerne designen?

In den letzten Jahren habe ich viele Objekte mit einem hohen handwerklichen Anteil entworfen und realisiert, darunter Tische, Sofas und Lampen. Für die italienische Luxus-Herrenmode-Firma Borrelli habe ich ein spezifisches Interior Design entwickelt, das in allen Stores weltweit verwendet wird. Für Francis Ford Coppola habe ich an seinem Luxushotel in meinem Heimatort Bernalda mitgewirkt.

Im Moment interessiere ich mich sehr für die Methoden und Technologien der digitalen Fertigung, d.h. all jene Werkzeuge, mit denen man Produkte mit Hilfe von numerischen Steuerungsmaschinen erstellen kann. Sie werden normalerweise verwendet, um kleine Gegenstände oder Möbelkomponenten herzustellen. Ich habe bereits diverse Lampen und Wohnaccessoires für dieses Verfahren entworfen und realisiert.

In der Zukunft würde ich gerne das Design eines 3D-druckbaren Hauses entwickeln, hierzu gibt es bereits erste Beispiele auf der ganzen Welt. Das Haus soll parametrisch und leicht anpassbar sein, die Umwelt und den Planeten respektieren und vollständig recyclebar sein. Es ist sicherlich ein sehr komplexes Thema, aber ich glaube, es repräsentiert die Zukunft des Wohnens.

 

Susanne Michl

Senior-Praktikantin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: