Flott, flott, Herr Ott!

Natürlich darf auch ein Selfie vom Interview nicht fehlen.

 

Dr. Thomas Ott
Geograph, Familienmensch, Fahrradfahrer, Netzwerker und Querdenker

Aus unserer Reihe Buntes Leben in Weinheim

Standesgemäß und politisch korrekt erscheint Dr. Thomas Ott zu unserem Interview natürlich mit dem Fahrrad – trotz strömenden Regens. Ausgerüstet mit Regencape und vorbildlichem Fahrradhelm treffen wir uns auf eine Tasse Tee, oder auch zwei, zum Plaudern über die Welt, Europa, die Kurpfalz und Weinheim. Thomas Ott lebt mit seiner Frau Bärbel und den gemeinsamen vier Kindern seit über 20 Jahren in Weinheim.

InWeinheim: Thomas, Du bist in Ludwigshafen aufgewachsen, hast an der Universität in Mannheim Geographie studiert. Was hat Dich nach Weinheim verschlagen?

Dr. Thomas Ott: Mein Weg nach Weinheim hat über Kanada geführt. (lacht)
InWeinheim: Auf Deiner Website ‚The secret life of Thomas Ott‘ sieht man Fotos von Dir in allen Herren Länder. Gehört das Reisen für einen Geograph zum täglich Brot?

Dr. Thomas Ott: Alles fing im Sommer 1992 an, als ich über das Werkstudentenprogramm der Deutsch-Kanadischen Gesellschaft nach Vancouver kam. Ich hatte ein offenes Arbeitsvisum und versuchte über die Arbeitsvermittlung, vergleichbar mit unserem Arbeitsamt, an einen Job zu kommen. Mein Geld wurde langsam knapp. Das Gefühl, das ich hatte, wenn ich mit unterschiedlichen Kontaktadressen und schlotternden Knien in der Telefonzelle stand, um einen Job zu ergattern, war prägend. Tatsächlich hatte ich Glück und konnte die Einstellungschallenge im ‚Wetttippen‘ für mich entscheiden – trotz englischer Tastatur. Ich durfte 10 Wochen in der Bibliothek der Kinsmen Foundation die Ausleihkärtchen digitalisieren. Genaugenommen war das reine Fleißarbeit, aber geblieben ist das Gefühl ‚If I can make it there, I’ll make it anywhere‘. Was für New York gilt, kann für Vancouver nicht falsch sein, und von diesem Motivationskick zehre ich tatsächlich bis heute.

InWeinheim: Vancouver war – und ist immer noch – eine multikulturelle Metropole. Wie war das für den Kurpfälzer Bub?

Dr. Thomas Ott: Das war schon ein Kulturflash für mich, Menschen aus aller Herren Länder mit den unterschiedlichsten Geschichten und Schicksalen. Nie vergessen werde ich meine Begegnung im Stanley Park mit Rasierwassertrinkenden Indianern. First Nations würde man heute sagen. Das sind Eindrücke, die bleiben.

InWeinheim: Ebenso wie das Gefühl für Weite.

Mitten auch im digitalen Leben.

Dr. Thomas Ott: Das war schon wirklich sehr besonders, mit dem Zug zwei Tage und zwei Nächte quer durch das Land zu fahren. Mit diesem 4-Wochen-Trip habe ich meinen Kanada-Aufenthalt abgeschlossen. Da wurde auch für mich als Geograph die Größe eines Landes erst richtig fühlbar. 

InWeinheim: Wie kommt man auf die Idee, Geograph zu werden?

Dr. Thomas Ott: Ich habe als erster in unserer Familie Abitur gemacht und mich danach bewusst für den Wehrdienst entschieden. Ende der 80er Jahre dachten viele noch in Ost/West-Feindbildern. Dass uns allerdings bei der Vereidigung mein Vorgesetzter mit den Worten entließ: „Wenn der deutsche Soldat marschiert, muss der Russe zittern.“, hat mich wirklich geschockt. Nach der Bundeswehr führte der Weg zur Berufsberatung beim Arbeitsamt, wo man mir zum klassischen BWL-Studium mit Schwerpunkt Export riet. Ein älterer Freund der Familie, ein Biologe, gab mir den ganz und gar nicht naturwissenschaftlichen Rat: „Mach, was Dein Herz sagt!“ und das habe ich getan und mich für angewandte Geographie eingeschrieben. Ein Studium, das sich durch viele Praktika und tatsächlich auch schon erste Auftragsgutachten vielfältig entwickelte und mich zu der damals höchst innovativen Thematik, den Geographischen Informationssystemen (GIS), führte. Als Gründungsmitglied des Arbeitskreises für das Netzwerk Geoinformation der Metropolregion Rhein-Neckar GeoNet.MRN engagiere ich mich in der Region für die verantwortungsbewusste Einführung und Entwicklung von digitalen Daten und Informationen, die für die Metropolregion wichtig sind.

InWeinheim: Hierbei muss man wirklich sagen, dass es um mehr als ‚digitale Wanderkarten‘ geht, was man ja gerne als Laie so verstehen könnte.

Dr. Thomas Ott: Ja, absolut. Wir reden von Informationen, die bei der Umweltplanung und Nachhaltigkeit eine große Rolle spielen, aber auch städtebaulich und infrastrukturell von Nutzen sind. Daten, mit denen wir sinnvoll und verantwortungsbewusst Zukunft planen können, weil sie Menschen in fast allen Lebensbereichen betreffen. 

InWeinheim: Da kommen wir später noch einmal darauf zurück, lass uns nochmal zurück gehen in die Zeit Deiner wissenschaftlichen Karriere an den Universitäten Erfurt und Mannheim.

Thomas im Träger-Team beim Weinheimer Sommertagszug. (Foto: Gunnar Fuchs)

Dr. Thomas Ott: Am Tag der Abgabe meiner Diplom-Arbeit habe ich direkt ein Angebot aus Erfurt für eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent bekommen. Damals – das war 1993 – war alles im Umbruch. Der Lehrstuhl für Geographie war zu DDR-Zeiten im Institut für Geographie der Pädagogischen Hochschule untergebracht. Jetzt stand alles im Zeichen der Wende, man hatte sich den Aufbau einer ideologiefreien Wissenschaft vorgenommen und wollte einen universitären Geist schaffen. Es war eine spannende, aber auch kontroverse Zeit in einem Land im Umbruch. Auf der einen Seite gab es viel Schaffensgeist und Wille zur Veränderung, auf der anderen Seite habe ich viel Unsicherheit und Ängste bei den Menschen dort erlebt. Lehrer, Dozenten und Professoren – Menschen mit unterschiedlichsten Biographien, deren Leben über Nacht wertlos geworden zu sein schien. Ein Leben, das auch im universitären Bereich vom Marxismus-Leninismus geprägt war. Die ehemalige DDR war zu diesem Zeitpunkt ‚terra incognita‘, nicht nur für mich, sondern für die meisten Menschen meiner Generation aus dem Westen. Der Forschungsgegenstand meiner Doktorarbeit konnte damals nicht aktueller sein: der Wandel Erfurts – von der sozialistischen zur kapitalistischen Stadt. Ich erlebte diese Zeit hautnah mit, bin durch viele Exkursionen an die alten, innerdeutschen Grenzen gekommen. Die Zeiss-Werke in Jena oder die Kali-Salzwerke waren unmittelbar betroffen von Umstrukturierungen und Entlassungswellen. Der Hungerstreik der Kali-Kumpel ist mir noch sehr gut in Erinnerung. Da kann dann auch das eigene Weltbild ins Schwanken geraten.

Auch Luna fand das Interview spannend – oder vielmehr entspannend.

InWeinheim: Das musst Du näher erklären, Thomas.

Dr. Thomas Ott: Entscheidungen, die von der Politik getroffen werden und als wirtschaftlich durchaus sinnvoll erscheinen, können sich tatsächlich für den Einzelnen im individuellen Leben negativ auswirken. Es darf nicht nur reine Schwarz-Weiß-Entscheidungen geben, wie sie so oft in den Schreibstuben getroffen werden. Eine Erkenntnis, die für mich in dieser Zeit die Entscheidung für politisches Engagement reifen ließ. Ich möchte mein Wissen nutzen und an die Gesellschaft zurückgeben. Das kann ich, wenn ich aktiv Politik mitgestalte. 

InWeinheim: Und dann wurde es die CDU? Wenn man weiß, dass Du bereits bei Euerem ersten Kind 1997 die Elternzeit mit Deiner Frau geteilt hast, ein Verfechter der Ganztagsschule bist und zum Bündnis Weinheim bleibt bunt radelst, stellt sich natürlich schon die Frage, ob Du in der richtigen Partei bist?

Dr. Thomas Ott: (lacht) Ja, das werde ich schon manchmal gefragt. Und ich denke dann gerne an Boris Palmer – den Bürgermeister von Tübingen, der Heimatstadt meiner Frau. Ihm wirft man ja auch oft scherzhaft vor, in der falschen Partei zu sein, allerdings genau umgekehrt zu mir. Die CDU hat mit meinen ‚grünen‘ Ideen kein Problem, und ich finde es wichtig, als Regulativ innerhalb der Partei wirken zu können. Es geht ja auch darum, das Feld nicht den Falschen zu überlassen. Ich mag die Balance zwischen ökologischer Vernunft und wirtschaftlichem Vorteil, die eine Gesellschaft in die Zukunft führt.

InWeinheim: Im Gemeinderat ist ja ein Miteinander wichtig, wenn es darum geht, Entscheidungen für eine Stadt zu treffen. Wie stellst Du Dir die Zusammenarbeit vor?

Unter dem selbstironischen #altesaeckeforfuture unterstützt Thomas die jugendlichen Demonstranten. Rechts im Selfie Dr. Carsten Labudda, Die Linke.

Dr. Thomas Ott: Eine Gemeinde lebt von der kontroversen Diskussion, das macht Demokratie erst lebendig und erweitert die Sichtweise – innerhalb der eigenen Partei und auch über Parteigrenzen hinweg. Eine Zusammenarbeit mit Carsten Labudda kann ich mir auf jeden Fall sehr gut vorstellen. (lacht)

InWeinheim: Euch beide habe ich in trauter Zweisamkeit auf der ersten FridaysforFuture-Demo in Weinheim gesehen. Damit beziehst Du klar Stellung für die Jugend. Auch Deine Postings auf Facebook und Instagram sprechen nicht gerade die Sprache einer verstaubten, ergrauten Partei.

Dr. Thomas Ott: Auch Politik muss sich digitalisieren. Wir brauchen uns nicht zu wundern, dass das Engagement von jungen Menschen für eine Partei und für den Gemeinderat so zögerlich ist. Wer hat denn mitten in der Woche Zeit, an einer Gemeinderatssitzung teilzunehmen oder Montags an einer Fraktionssitzung. Das muss digitaler und somit für alle transparenter werden, denn nur so werden Entscheidungen sichtbar und unterstützen uns Bürger bei einer verantwortungsbewussten, zukunftsorientierten Meinungsbildung. 

Wer Expeditionen durch Eis und Schnee führen kann, dem ist auch das politische Parkett nicht zu glatt.

InWeinheim: Du hättest auch eine universitäre Karriere machen können. Für Dein Habilitationsprojekt hast Du mehrere Monate an der University of British Columbia und der University of Washington verbracht. Du hast wissenschaftliche Exkursionen in den Westen Kanadas und den Pazifischen Nordwesten der USA geleitet. Dich hat es als selbstständiger Projektmanager nach Südkorea, Vietnam und Burkina Faso verschlagen, Dein Blick auf die Welt ist offen und kritisch zugleich.

Dr. Thomas Ott: Von meinem wissenschaftlichen Elfenbeinturm habe ich mich verabschiedet, weil ich lieber das Leben unter Menschen lebe (lacht). Ich möchte unsere Gesellschaft gerne weiterbringen. Natürlich hilft mir dabei auch mein analytisch-wissenschaftlicher Blick auf Zusammenhänge. Durch meine selbstständige Tätigkeit habe ich auch erfahren, wie angespannt ein Familienleben sein kann, wenn man auf projektabhängige Finanzierung angewiesen ist. Sehr glücklich bin ich mit meiner Festanstellung bei Merck in Darmstadt als Senior Data Analyst. Die Nähe zu Weinheim und der kompletten Kurpfalz ermöglicht mir mein politisches Engagement auf kommunaler und regionaler Ebene. 

InWeinheim: Den Willen zum Gestalten hast Du wohl mit Deinen Genen weitergegeben. Deine Tochter Miriam, die jetzt am WHG Abitur macht, ist Vorsitzende des Jugendbeirats.

Dr. Thomas Ott: Ja, das macht auch unserer Familie aus, diskutieren, zuhören, umgehen mit Kritik, andere Sichtweisen kennenlernen und vielleicht sogar manchmal den Standpunkt wechseln. Wenn wir innerhalb der Familie solch eine Kultur leben, können wir sie nach außen in die Gesellschaft tragen und respektvoll Anteil an ihr nehmen. 

Natürlich darf auch ein Selfie vom Interview nicht fehlen.

InWeinheim: Lieber Thomas, ich danke Dir für das interessante Gespräch. Für den ‚Weinheimer Wahlkampf‘ wünsche ich Dir viel Erfolg und dass Dein größter Wunsch in Erfüllung geht: eines Tages im Sommertags-Komittee zu sitzen.

Wer mehr erfahren will über ‚Das geheime Leben des Thomas Ott‘ klickt sich gerne durch seine website.

Susanne Michl

Susanne Michl

Senior-Praktikantin

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