Gegen das Vergessen

Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm von Hase (c)NANNI

Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm von Hase
(c)NANNI

Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm von Hase im Interview mit InWeinheim.de

Der 20. Juli ist ein historisches Datum – das Stauffenberg-Attentat! Steht es doch für Zivilcourage und Mut, sich gegen ein unmenschliches System aufzulehnen. Es ist aber auch ein persönliches Datum für die Frauen und Kinder der Attentäter, denn ihr Leben war von diesem Tag an ein anderes. Das jähe Ende der Kindheit, Halbwaisen, Witwen und eine Gesellschaft, die sich lange Jahre nicht zu ihren Helden bekannte.

Friedrich-Wilhelm von Hase ist zu Zeiten der NS-Diktatur sieben Jahre alt und Sohn des Berliner Wehrmachtkommandanten Paul von Hase. Generalleutnant von Hase, ein Onkel Dietrich Bonhoeffers, ist für die militärische Umsetzung der Operation Walküre zuständig, verfügt er doch über die Truppen, die das Regierungsviertel der Reichshauptstadt nach gelungenem Attentat abriegeln sollen. Am frühen Nachmittag des 20. Juli hält von Hase ein kurze Ansprache an seine Offiziere: „Der Führer ist tot, die vollziehende Gewalt geht in die Hände des Heeres über.“ Zu diesem Zeitpunkt wusste man noch nicht, dass die von Stauffenberg gezündete Bombe in der Wolfsschanze Hitler nicht getötet hatte. Von Hase kommt die Schlüsselrolle zu, Reichspropagandaminister Goebbels persönlich zu verhaften. Doch dazu kommt es nicht mehr. Als in der Nacht die Rundfunkansprache des „Führers“ ausgestrahlt wird, in der sich Hitler persönlich an das deutsche Volk wendet, ist klar, dass das Attentat gescheitert ist. Was dann folgt ist bekannte Geschichte, Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine drei Mitverschwörer werden noch in der Nacht im Hof des Bendlerblocks hingerichtet. Generalleutnant von Hase wird in Goebbels Wohnung verhaftet, inhaftiert und am 8. August 1944 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Am selben Tag wird Paul von Hase in Berlin-Ploetzensee hingerichtet. Der Wunsch des Führers: „Ich will, dass sie erhängt werden, aufgehängt wie Schlachtvieh.“ Auf seinen Befehl hin wurden die Hinrichtungen gefilmt, damit er sich daran weiden konnte, wie die Offiziere am Metzgerhaken in Plötzensee hingen. Und auch die Familien der Verschwörer sollten seine Rache zu spüren bekommen.

Generalleutnant Paul von Hase, hingerichtet 8. August 1944

Generalleutnant Paul von Hase, hingerichtet 8. August 1944

InWeinheim: Herr Professor von Hase, Sie waren 1944 sieben Jahre alt und wohnten in einer repräsentativen Dienstwohnung im Bendlerblock mitten im Regierungsviertel in der Reichshauptstadt Berlin. Wie kann man sich diese Kindheit vorstellen?  

Professor von Hase: Zunächst einmal – abenteuerlich. Ein Kind bewertet ja nicht, sondern lässt sich beeindrucken. Und für einen siebenjährigen Knirps war es äußerst spannend inmitten der zackig auftretenden Offiziere, die bei uns selbstverständlich ein- und ausgingen. Als die Bombenangriffe auf Berlin immer heftiger wurden, hielten es meine Eltern für besser, mich samt Kinderfrau bei zwei befreundeten älteren Damen im Harz unterzubringen. Ich verbrachte unbeschwerte Wochen auf dem Rittergut – weitab vom Bombenhagel in der Hauptstadt.

Der Alltag  in den Familien der Regimegegner war oft eine Gratwanderung. Man versuchte, eine scheinbare Normalität zu leben, um die Kinder zu schützen. Die Kinder sollten unter dem Doppelleben der Eltern auf keinen Fall leiden. Pädagogische Schwerstarbeit.

InWeinheim: Am 20. Juli waren Sie nicht in Berlin. Was geschah dort mit Ihrer Familie?

Professor von Hase: Mein Vater wurde noch am Abend des Attentats gefangen genommen, meine Mutter, meine Schwester Maria (20) und mein Bruder Alexander (19) wurden am 1. August 1944 von der Gestapo festgenommen und ebenfalls inhaftiert. Davon habe ich natürlich nichts mitbekommen. Und als meine Tante Ilse mit mir im August kreuz und quer durch den Harz reiste, freute ich mich über das Abenteuer. Dass es ein Versuch war, mich vor dem Zugriff der Gestapo zu bewahren, konnte ich erst viele Jahre später einordnen.

Trügerische Idylle: Bad Sachsa, NS-Kinderheim

Trügerische Idylle:
Bad Sachsa, NS-Kinderheim

InWeinheim: Leider hat die Gestapo Sie aber doch aufgespürt und Sie wurden – wie alle Kinder der Verschwörer-Familien – in ein Kinderheim gebracht.

Professor von Hase: Im Landheim in Bad Sachsa im Südharz wurden ab August die Kinder aus den am 20. Juli beteiligten Familien untergebracht.  Die Namensliste der Kinder liest sich wie das who is who der deutschen Geschichte: Stauffenberg, Hagen, Lehndorff, Hofacker. Dort im Kinderheim bekamen wir alle neue Namen verpasst, man wollte unsere ursprüngliche Identität auslöschen.

Das war der perfide Plan im Rahmen der verhängten Sippenhaft – das Blutgericht der Nazis nach germanischem Vorbild. In der  Rede von Himmler vor den Gauleitern, 3. August 1944: „Sie brauchen nur die germanischen Sagen nachzulesen…das Verräterblut muss ausgerottet werden…bis zum letzten Glied in der ganzen Sippe“ wird das volle Ausmaß deutlich. Man plante die kleineren Kinder in SS-Familien unterzubringen und die Größeren in sogenannte „Napolas“ (Nationalpolitische Erziehungsanstalt), um eine neue Führungselite nach NS-Ideologie zu erziehen.

   InWeinheim: Wie haben Sie die Zeit im Kinderheim in Bad Sachsa empfunden?

Der kleine "Friewi" - Friedrich-Wilhelm von Hase

Der kleine „Friewi“ – Friedrich-Wilhelm von Hase

Professor von Hase: Ich hatte das Glück, dass meine Zeit dort auf knappe zwei Monate beschränkt war. Vielleicht ist es eine Art Schutzfunktion, dass ich mich an manche Dinge nicht erinnern kann. Der Aufenthalt in Bad Sachsa ist mir – und das ist mein ganz persönliches Empfinden – zu keiner negativen Erinnerung geworden. Ich musste keine Züchtigungen und Schikanen erleiden und wurde gut behandelt. Diese Erinnerung deckt sich im übrigen mit vielen ehemaligen Bad Sachsa-Kindern, wie sich bei unserem Treffen 1998 herausstellte. Trotzdem hat jeder sein eigenes „seelisches Marschgepäck“, das er mit sich trägt, und für einige von uns war die Erinnerung besonders schmerzlich und das Erlebte belastend.

Vera Gräfin von Lehndorff, das spätere Model „Veruschka“, (damals 5)  erinnert sich in ihrer Biographie an die Worte ihrer kleinen Schwester (damals 1): „Mami, rück, Hunger, Angst, Mami, rück, Hunger, Angst“. Für sie war der Aufenthalt im Kinderheim traumatisch, ebenso wie die folgende Nachkriegszeit. Deutschland noch nicht entnazifiziert und der Umgang mit der eigenen Geschichte musste erst mühsam erlernt werden. Für die Familien der Attentäter bedeutete dies aber auch neue Demütigungen. Für von Lehndorff war es „eine apokalyptische Geschichte, über die erst einmal Schweigen gelegt wurde“. In der Schule war sie „das Kind eines Landesverräters“ und eine Lehrerin sagte direkt zu ihr: „Dein Vater war ein Mörder!“.

InWeinheim: Herr Professor von Hase, haben Sie auch solche Erfahrungen machen müssen?

Professor von Hase: Nein, so direkt zum Glück nicht, was aber mit Sicherheit auch daran lag, dass ich ein Landschulheim bis zum Abitur besuchte, in dem mehrere Kinder aus den Verschwörer-Familien zusammenkamen. Aber dass das mutige Handeln meines Vaters lange Zeit keinerlei Würdigung erfuhr, schmerzte meine Mutter sehr.

Die Frauen mussten jetzt seelische Schwerstarbeit leisten. Hatten sie doch die Trauer um ihre hingerichteten Männer, die Zeit im Gefängnis und die Sorge um ihre Kinder bewältigen. Viele Witwen wählten in dieser sorgenvollen Zeit den Weg in einen inneren Rückzug und sprachen selten offen über das Erlebte. Selbst mit ihren Kindern konnten die Mütter oft nur schwer über das Vergangene sprechen. Wie sollte man mit diesem schweren Erbe umgehen? Was sollte man den Kindern sagen, was besser nicht? Ihrer eigenen Persönlichkeit entsprechend wählten die Frauen ganz individuelle Wege der Verarbeitung, und die reichte von einer Heldenverehrung des Vaters bis hin zu einer völlig passiven Haltung. 

Worte von großem Mut und innerer Stärke

Worte von großem Mut und innerer Stärke

InWeinheim: Welche Weg wählte Ihre Mutter?

Professor von Hase: Meine Mutter blieb den Idealen meines Vaters treu. Er war im Alltag bei uns lebendig und meine Mutter sorgte dafür, dass sein Bild nicht verblasste, indem sie oft von ihm erzählte. Sicherlich half ihr auch der tiefe christliche Glauben, diese schweren Zeiten ertragen zu können.

Zu den enormen psychischen Belastungen in dieser Zeit kamen auch die existentiellen Sorgen. Denn alle Familien waren völlig mittellos geworden, hatten zum Teil ihre Heimat verloren und sämtlichen Besitz.

Professor von Hase: Als Deutschbaltin hatte meine Mutter, eine geborene Baroness von Funck, bereits 1917 die Erfahrung machen müssen, was es bedeutet, aus der geliebten Heimat fliehen zu müssen. Jetzt ereilte sie zu dem schmerzlichen Verlust meines Vaters ein zweites Mal dieses Schicksal.

Die Pensionsansprüche, die allen Witwen und Halbwaisen der Offiziere zweifelos zustanden, wurden zu einer absurden Paragraphen-Reiterei. Man berief sich auf einen Passus, der besagte, dass Rentenansprüche erlöschen, sobald sich ein Beamter, der dem Fahneneid verpflichtet ist, eines Kapitalverbrechens schuldig gemacht hatte. Absurderweise sollte dazu auch der „Tyrannenmord“ zählen. Die Differenzierung und Akzeptanz für den mutigen Widerstand der Männer, die ihr Leben für ein Terror-Regime gaben, erfolgte spät – es ging bis weit in die fünfziger Jahre, dass den Frauen und Kindern, die ihnen zustehende Zahlungen anerkannt wurden.

Prof. von Hase in Ramstein (c)Larissa Greatwood

Prof. von Hase in Ramstein
(c)Larissa Greatwood

InWeinheim: Herr Professor von Hase, es mussten vielen Jahrzehnte vergehen, bis Sie sich Ihrer Familiengeschichte stellen konnten. Herausgekommen ist dabei ein beeindruckendes Dokument: Hitlers Rache. Ein biographisches Geschichtsbuch, das auf eindrückliche und fundierte Weise Einblick in die Zeit des Widerstands gibt.

Professor von Hase: Ich bin sehr glücklich darüber, wie das Buch aufgenommen wurde. Bisher wurden über 4000 Exemplare verkauft, und das Interesse an Vorträgen und Lesungen ist groß.  Auf persönliche Einladung von Romani Rose, dem Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, referierte ich in Heidelberg, und Rabbi Gary Davidson von der US-Airbase lud mich nach Ramstein ein. Dort hielt ich eine Rede beim Festakt zum Holocaust-Gedenktag am 15. April 2015.

InWeinheim: Was wünschen Sie sich, was bleibt?

Professor von Hase: Vaters Tod soll nicht umsonst gewesen sein. Das ist etwas, das mich berührt. Es war das erste Mal 2001, dass eine Holländerin persönlich zu mir gesagt hat Dein Vater war ein Held. Dieses öffentliche Anerkennen ist sehr wichtig für die eigene Geschichte und die Geschichte Deutschlands.

InWeinheim: Gibt es etwas, was Sie der jungen Generation zurufen möchten?

Professor von Hase: Zivilcourage ist allgemeingültig in jeder Situation. Helft den Bedrängten!

InWeinheim mit Prof. von Hase (c)NANNI

InWeinheim mit Prof. von Hase
(c)NANNI

InWeinheim: Herzlichen Dank, für dieses inspirierende Gespräch.

Am Sonntag, 7. Juni 2015 um 11.00 Uhr liest Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm von Hase zusammen mit der Autorin Dr. Franziska Polanski aus dem 2014 erschienenen Buch Hitlers Rache. Die Matinée in der Evangelischen Kirche in Großsachsen ist organisiert vom Zonta Club Weinheim. Der Eintrittspreis beträgt 15 Euro, die Einnahmen gehen an den Arbeitskreis Asyl, Weinheim, eine Organisation des (NAWI).

und direkt an der Tageskasse
Susanne Michl

Susanne Michl

Senior-Praktikantin

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