*Jugendliche wollen gehört werden* – SJR Weinheim

Martin Wetzel - neuer Geschäftsführer des Stadtjugendrings SJR in Weinheim. (c)NANNI
Martin Wetzel - neuer Geschäftsführer des Stadtjugendrings SJR in Weinheim. (c)NANNI

Martin Wetzel – neuer Geschäftsführer des Stadtjugendrings SJR in Weinheim.
(c)NANNI

*Geschäftsführer des Stadtjugendring* klingt sehr nüchtern, fast langweilig, und ich bin richtig erleichtert als mir Martin Wetzel locker-flockig die Tür der alten Uhland-Schule öffnet. Gleich neben Café Central ist das Büro des neuen Leiters der Jugendarbeit in Weinheim, wo wir uns auf ein Croissant (bringe ich mit) und Kaffee mit Bio-Milch (hat Martin vorbereitet) zum Gespräch treffen.

InWeinheim: Dein Weg führt von der Jugendarbeit in Pforzheim nach Weinheim zum Stadtjugendring. Wieso Weinheim?

Martin Wetzel: Weinheim ist aus vielerlei Gründen attraktiv.

InWeinheim: (kann ich als echter Weinheimer natürlich bestätigen!) Nämlich?

Martin Wetzel: Drei Dinge wurden mir bei meiner privaten Umfrage nach Weinheims Bekanntheit quer durch alle Altersstufen immer wieder genannt: Café Central, Miramar und der Marktplatz. (lacht) Aber Grundvoraussetzung war natürlich, dass die Stelle hier frei wird. Jürgen Holzwarth wird im März nach über 40 Jahren Tätigkeit für den Stadtjugendring in den Ruhestand gehen.

InWeinheim: 40 Jahre ist eine lange Zeit. Wie groß sind denn die Fußstapfen von Jürgen Holzwarth?

Welches Tier wärst Du gerne, Martin?

Welches Tier wärst Du gerne, Martin?

Martin Wetzel: Kinder- und Jugendarbeit ist ein fortlaufender Entwicklungsprozess, den ich gerne weiterführen möchte. Zu wissen, wie sich die Strukturen in Weinheim entwickelt haben, ist sehr hilfreich dabei, die Arbeit fortzuführen und weiter zu entwickeln.  Und so muss ich keine Fußstapfen ausfüllen, sondern gehe zusammen mit allen Akteuren der Kinder- und Jugendarbeit den Weg weiter.

InWeinheim: Ich habe gelesen, dass Du ausgebildeter Erzieher bist.

Martin Wetzel: Ja, das stimmt. Mein Berufseinstieg begann mit der Ausbildung zum Erzieher. Mit einem Studium der Sozialpädagogik ging es in Berlin weiter. Dort habe ich dann auch in einem Heim mit verhaltensoriginellen Kindern und Jugendlichen gearbeitet.

*Verhaltensoriginell* – da ist er, der Pädagogen-Sprech. Ein Euphemismus für hohes Konfliktpotential und Erziehungsstress. Wer diese Sprache wählt, verrät aber auch über sich ein hohes Maß an Wertschätzung und Respekt dem Mitmenschen gegenüber.

InWeinheim: Ich stelle es mir sehr anspruchsvoll und auch belastend vor, im Heim zu arbeiten.

Martin Wetzel: Es ist klar, Du brauchst die professionelle Distanz und in regelmäßigen Abständen Supervision. Aber es stimmt schon, es sind zum Teil einfach die Lebensläufe der Kinder, die dich nicht loslassen.

Die *antike* Tür zum SJR symbolisiert sehr gut die Stimme der Jugend. (c)NANNI

Die *antike* Tür zum SJR symbolisiert sehr gut die Stimme der Jugend.
(c)NANNI

InWeinheim: Welchen Berufswunsch hattest Du denn selbst als Kind?

Martin Wetzel: Ich wollte Gärtner werden mit grüne Schürze, Spaten in der Hand und Strohhut auf dem Kopf.

InWeinheim: Das Bild vom Gärtner passt eigentlich sehr gut in die Erziehungsarbeit – Säen, Gießen, Hegen, Pflegen und Ernten. Was gefällt Dir an Kindern/Jugendlichen besser als an Erwachsenen?

Martin Wetzel: In erster Linie gefällt es mir, mit Menschen zu tun zu haben, egal ob Kind oder Greis. An Kindern und besonders an Jugendlichen schätze ich das Spontane, das *unbedingt jetzt und sofort*, die ganze kreative, oftmals auch chaotische und widersprüchliche Energie, die sie haben. Ich mag ihr Bedürfnis, gehört zu werden und zu hören.

InWeinheim: Zugehört hast Du sicherlich auch in Deinem letzten Job. Du hast für 15 Jahre das Haus der Jugend beim Stadtjugendring in Pforzheim geleitet. Was ist an Pforzheim besonders?

Martin Wetzel: Es ist meine Heimat! (lacht). Aber Pforzheim zeichnet noch etwas anders aus: mit dem Haus der Jugend war der Stadtjugendring Pforzheim 1949 gleich nach dem Krieg einer der ersten seiner Art in Deutschland. Von den Alliierten wurde diese Art der Jugendarbeit sehr unterstützt, wurden doch hier Kinder und Jugendliche an freies, demokratisches Denken und Handeln herangeführt. Mit 78% ist der Anteil von Kindern und Jugendlichen mit ausländischen Wurzeln sehr hoch. Die Pforzheimer Jugendarbeit hat sich konsequent und verantwortungsbewusst weiterentwickelt. Es hat mir viel Freude gemacht, mich dort in leitender Position einzubringen.

Selfie im SJR (c)NANNI

Selfie im SJR
(c)NANNI

InWeinheim: Jetzt geht es für Dich hier in Weinheim mit neuen Herausforderungen weiter. Die Arbeit mit Flüchtlingskindern wird einen großen Teil der Jugendarbeit einnehmen.

Martin Wetzel: Ich konnte ja bereits in Pforzheim intensive Erfahrung in der integrativen Jugendarbeit sammeln. Oft konnte ich feststellen, dass Flüchtlingskindern schon sehr früh klar ist, dass ihre Zukunft in Deutschland liegt. Wenn sich diese Kinder und Jugendliche mit ihrer neuen Heimat identifizieren, werden sie auch in der Gesellschaft ankommen. Bei Migrantenkindern ist der Wille, etwas zu erreichen, sehr hoch. Ich habe diese Jugendichen sehr oft als besonders zielstrebig und fleißig erlebt. Auch was einen höheren Bildungsabschluss angeht.

InWeinheim: Seit gut 30 Jahren arbeitest Du mit Kindern und Jugendlichen – Du bist jetzt 52. Welche Veränderungen merkst Du in der Jugend?

Martin Wetzel: Die Gewaltbereitschaft hat deutlich nachgelassen. Aber gleichzeitig ist auch die Begegnung unter Jugendlichen weniger geworden. Ein Ergebnis unserer *hedonistischen Kultur*, in der jeder um sich selbst kreist und nur wenig Interesse an einem funktionierenden Miteinander hat. Mit einer Jugendsozialarbeit, die sich facettenreich dem Diskurs stellt, müssen wir versuchen, Jugendlichen ein Gefühl von Verantwortung für und in der Gesellschaft zu vermitteln.

Der SJR in Weinheim macht wertvolle Arbeit mit und für Jugendliche. (c)NANNI

Der SJR in Weinheim macht wertvolle Arbeit mit und für Jugendliche.
(c)NANNI

InWeinheim: Was wünschst Du Dir für Weinheim und Deine Arbeit hier?

Martin Wetzel: Für die Stadt und die Stadtgesellschaft ein friedliches Miteinander, Aufeinanderzugehen und die Bereitschaft gemeinsam diese schöne Stadt weiterzuentwickeln. Für die Kinder und Jugendlichen wünsche ich mir Orte der Begegnung, die Möglichkeit der Teilhabe und Empowerment – die Möglichkeit, die eigenen Stärken zu entwickeln und einzubringen und vor allem: Gehör zu finden.

InWeinheim: Und was wünscht Du Dir selbst?

Martin Wetzel: Eine große Portion Spaghetti Aglio e Olio!

InWeinheim wünscht Martin Wetzel einen powervollen Start, kommunikative Dialoge und immer die Zeit für eine leckere Portion Pasta ;-).

Dieses Interview ist Teil aus der Reihe *Buntes Leben in Weinheim*.

Susanne Michl

Susanne Michl

Senior-Praktikantin

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