(K)ein Rad ab!

BUNT und kompetent - im radhof (c)NANNI
BUNT und kompetent - im radhof (c)NANNI

BUNT und kompetent – im radhof
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Bunt hat viele Farben, und ein Musterbeispiel für soziale Vielfalt und berufliche Integration ist der Fahrradladen am Weinheimer Hauptbahnhof –  radhof.

der radhof am Weinheimer Hauptbahnhof (c)NANNI

der radhof am Weinheimer Hauptbahnhof
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InWeinheim führte ein interessantes Gespräch mit Uwe Ascherl, dem Kopf – oder besser dem Sattel- des radhof. Dieses Interview ist Auftakt zu unserer neuen Reihe: Buntes Leben in Weinheim.

InWeinheim: Seit wann gibt es den radhof in Weinheim?

Uwe Ascherl: Wir haben am 1. April – kein Scherz – vor vier Jahren eröffnet. Unser Weinheimer Laden ist ein weiteres Projekt des Heidelberger Verein VbI – Verein zur beruflichen Integration und Qualifizierung e.V. Ein kleiner, aber vielfältiger und bunter Träger, der in unterschiedlichen Projekten soziale Dienstleistungen für verschiedene Zielgruppen anbietet. Dazu gehört auch der radhof Heidelberg.

Uwe Ascherl - ein Mann mit Herz und Hand (c)NANNI

Uwe Ascherl – ein Mann mit Herz und Hand
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InWeinheim: Wie war denn der Start in Weinheim?

Uwe Ascherl: Na ja, das erste Jahr lief schleppend. Wir wurden zwar in Weinheim gut aufgenommen, aber die Zahlen waren rot! Der Heidelberger Vorstand hat mir vertraut, als ich um Zeit gebeten habe. Ich wollte unbedingt weitermachen und war mir sicher, dass wir es schaffen würden. Und so war es auch – nach nur 2 1/2 Jahren waren die Bilanzen positiv. Da hätte sich auch jeder BWLer gefreut.

InWeinheim: Der radhof ist ja mehr als ein klassisches Unternehmen.

Uwe Ascherl: Das stimmt. Bei uns kommt ja auch der Faktor Mensch dazu. Das heißt, bei uns arbeiten Menschen, die vom Arbeitsleben unserer Gesellschaft gerne aussortiert werden. Weil sie eben nicht funktionieren wie in unserer Leistungsgesellschaft erwartet und somit einen Ballast darstellen.

eine starkes Team im radhof (c)NANNI

ein starkes Team im radhof
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InWeinheim: Das heißt, Ihre Truppe ist bunt gemischt!

Uwe Ascherl: In Heidelberg und auch in Weinheim arbeiten Menschen mit Behinderung, Langzeitarbeitslose und eben auch Menschen mit Brüchen im Lebenslauf. Bei uns bekommen sie eine Perspektive, und ihr Leben eine Struktur.

InWeinheim: Sie bilden auch aus?

Uwe Ascherl: Man kann bei uns in zwei Jahren eine Ausbildung zum Fahrrad-Monteur machen. Weil es eine Stufenausbildung ist, kann man auf 3 1/2 Jahre verlängern, um dann einen Abschluss als Zweirad-Mechatroniker in der Tasche zu haben. Zwei Lehrlinge haben wir hier in Weinheim schon zum Abschluss gebracht – mit „fast gut“!

InWeinheim: Das Ausbilden scheint Ihnen besonders am Herzen zu liegen.

Uwe Ascherl (lacht): Ja, sehr. Für mich war klar, ich WILL ausbilden. Ich will den Menschen eine Perspektive geben, sie auf den Weg bringen. Allerdings müssen sie den Weg auch gehen wollen. Die Entscheidung letztendlich liegt bei jedem einzelnen selbst, er muss den Ansporn haben, den Gesellenbrief in den Händen halten zu wollen.  Ich kann ihm dabei unterstützend zur Seite stehen.

InWeinheim: Mit anderen Worten, Sie sind Lehrherr, Nachhilfelehrer und Therapeut in einer Person.

Uwe Ascherl: So könnte man es sagen. (lacht und dann wieder ernst) Alle Schützlinge kommen aus zerrütteten Familien, die meisten ohne soziale Kompetenzen. Das heißt, wir fangen hier oft bei Null an: Umgangsformen, Kundenkontakt.

Auch Schätzchen gibt es im radhof (c)NANNI

auch Schätzchen gibt es im radhof
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InWeinheim: Und die Kunden erwarten ja auch bei Ihnen eine entsprechende Leistung.

Uwe Ascherl: Und auch zu Recht. Der Kunde soll nicht sagen „die können ja nix, das sind ja alles Asoziale“! Aber ich muss wirklich sagen, dass wir in Weinheim solche Reaktionen noch nie erfahren haben. Die Akzeptanz ist hier groß, und wir arbeiten hier mittlerweile mit acht Mitarbeitern. Die Handwerkskammer Mannheim unterstützt uns ebenso wie die ifa in Heidelberg, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, geschützte Arbeitsplätze bereitzustellen, die auf dem Arbeitsmarkt ansonsten immer weniger angeboten werden.

InWeinheim: Alles in allem hört sich das aber nach einem full-time-job an.

Uwe Ascherl: Das ist es auch – ich arbeite 50 Stunden die Woche, aber bin zufriedener als jemals zuvor.

Das merkt man ihm auch an. Nach Jahren in der Industrie, in denen er 30 Lehrlinge zum Feinmechaniker ausgebildet hat, geht Uwe Ascherl in Erziehungsurlaub – vor 20 Jahren eine wirklich revolutionäre Entscheidung. Als die Kinder in den Kindergarten kommen, strukturiert er seinen Tag neu und jobbt stundenweise  in einem Fahrradgeschäft. Es sollen 14 Jahre werden, in denen er leidenschaftlich an Rädern schraubt, aber irgendwann muss ein Perspektivwechsel her. Zufällig liest er die Stellenannonce des radhof –  gesucht wird ein Sozialpädagoge mit Erfahrungen im technischen Bereich.

Blick in die Werkstatt (c)NANNI

Blick in die Werkstatt
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InWeinheim: Sie waren eher der Techniker mit Erfahrungen im sozialpädagogischen Bereich!

Uwe Ascherl: Das stimmt. Meine Frau, die als Sonderpädagogin an der Montessori-Schule arbeitet, hat mich ermutigt zur Bewerbung. Für mich selbst war klar, ich wollte etwas Neues beginnen, und der Gedanke, Menschen in ihren Fähigkeiten zu unterstützen, motiviert mich sehr – auch bei einer 50-Stunden-Woche!

Heidelberg in Afrika!

Heidelberg in Afrika!

InWeinheim: Der radhof hat noch eine weitere Facette: Fahrräder für Südafrika.

Uwe Ascherl:  In Ruanda haben wir gemeinsam mit der Stadt Heidelberg den Aufbau einer Ausbildungswerkstatt für gebrauchte Fahrräder unterstützt. Es wird jedes Jahr ein Container mit gebrauchten Rädern und Ersatzteilen nach Butare geschickt. Für die Menschen in Afrika sind Fahrräder oft die einzige Möglichkeit mobil zu sein. Fahrräder sind sehr begehrt, doch meistens unerschwinglich. Über die gespendeten Fahrräder und die  Ausbildung vor Ort zum Fahrradtechniker ist es möglich, die Menschen am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufschwung in Entwicklungsländern teilhaben zu lassen. Wir nehmen jeder Zeit gerne alte Räder als Spende an – auf Wunsch holen wir sie auch ab.

Und wer sein altes Fahrrad dem radhof in Weinheim gespendet hat, kann dort auch gleich ein top restauriertes, rundum erneuertes Fahrrad erwerben. Nachhaltigeres und sinnvolleres Einkaufen ist kaum möglich: Unterstützung eines Weinheimer Geschäfts, Unterstützung eines sozialen Projekts, Unterstützung eines Entwicklungsprojekts – der Kunde verlässt das Geschäft mit einem richtig guten Gefühl. Und Weinheim kann ganz schön stolz sein, so einen außergewöhnlichen Fahrradladen am Hauptbahnhof zu haben.

 

 

 

Susanne Michl

Susanne Michl

Senior-Praktikantin

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