Kinder stärken – Eltern stützen

Die Psychologische Familien- und Erziehungsberatung (c)NANNI

Das *Familien-Haus* von Ulrike Adam, Dipl.-Psychologin und Leiterin der FEB
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Das Leben in einer Familie ist mit einem Haus zu vergleichen – jede Situation hat ihr eigenes Zimmer.

Mit diesem sehr bildhaften Vergleich erklärt mir Ulrike Adam das *Konstrukt Familie*. Frau Adam ist seit Juli 2013 Leiterin der Psychologischen Familien- und Erziehungsberatung FEB in Weinheim. Ich treffe sie zum Interview in den renovierten Räumlichkeiten am Marktplatz.

InWeinheim: Vor drei Jahren haben Sie die psychologische Leitung in der Beratungsstelle übernommen. Wie war der Anfang?

Ulrike Adam: Allein die Tatsache, mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren zu können, war für mich etwas Besonderes. Ich wohne mit meiner Familie in Weinheim und hatte eine Stelle bei der Erziehungsberatung in Frankfurt. Das heißt, dass ich immer viel Lebenszeit im Zug verbracht habe. Dass die Leitung der Beratungsstelle in Weinheim frei wurde, und die Entscheidung auf mich fiel, war wie ein Geschenk.

eine Atmosphäre zum Wohlfühlen
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Die Facetten des kindlichen Charakters sind vielschichtig. Probleme und negative Eigenschaften machen den geringsten Teil aus.

InWeinheim: Alles wirkt so hell und einladend hier.

Ulrike Adam: Ja, die Räumlichkeiten sind toll. Dieser wunderschöne Altbau des sanierten Alten Rathauses hat einen besonderen Charme. Wir haben mit heller Farbe und grünen, frischen Akzenten eine Atmosphäre geschaffen, in der sich Eltern und Kinder genauso wohlfühlen können wie wir Mitarbeiter.

InWeinheim: Wieviele Mitarbeiter gibt es hier?

Ulrike Adam: Unser Team besteht aus fünf Fachkräften – Psychologen, Sozial- und Heilpädagogen, Erziehungswissenschaftler – und einer Teamassistenz, die vom telefonischen Erstkontakt bis hin zur Organisation und Verwaltung das Herzstück unserer Beratungsstelle bildet. Alle Berater haben zusätzlich noch eine therapeutische Qualifikation.

InWeinheim: Das hört sich ja nach geballter Kompetenz an. An wen richtet sich denn Ihr Angebot?

Wie machen wir Kinder stark?
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Ulrike Adam: Grundsätzlich steht das Kind oder der Jugendliche bei uns im Mittelpunkt – mit all den großen und kleinen Problemen, die das Leben und der Alltag mit sich bringen. Das kann das Trotzkind und der rebellische Teenager sein, Einschlafprobleme beim Kleinkind und Aggressionen beim Jugendlichen. Wir wollen Familien helfen, wie sie aus einer manchmal festgefahrenen Situation wieder herausfinden. Manchmal gelingt das ganz schnell, und es reicht ein Impuls, ein kleiner Tipp, um *den Schalter umzulegen*. In manchen Fällen ist auch eine intensivere Betreuung sinnvoll, und manchmal empfehlen wir auch eine intensivere Form der Therapie. Immer stehen wir der Familie mit ihrem individuellen Anliegen zur Seite – wir hören zu und finden eine Lösung.

InWeinheim: Ist es schwierig, einen Termin zu bekommen?

Ulrike Adam: Die Wartezeit ist gering. Wir schaffen es, in 70% der Fälle einen Termin innerhalb von zwei Wochen zu vergeben, in 90% innerhalb eines Monats. Ausserdem bieten wir eine *offene Abendsprechstunde* an – Donnerstag von 17 bis 19 Uhr kann man ohne Terminvereinbarung einfach vorbeikommen. Das ist ein Termin, der von Jugendlichen gerne wahrgenommen wird, weil es der schnelle Weg zur Kontaktaufnahme ist. Wir unterliegen selbstverständlich der Schweigepflicht, alles was bei uns besprochen wird, bleibt auch bei uns. Für manche Jugendliche oder junge Erwachsene (unser Angebot geht bis 21 Jahre)  ist es wichtig, die Garantie zu haben, dass sie anonym bleiben können. Somit kann die Hemmschwelle niedrig gehalten werden, und Jugendliche öffnen sich eher.

InWeinheim: In dem großen *Familienhaus* können ja schon mal die Wände wackeln.

In einem Beratungsgespräch kann es schon mal emotional werden.
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Das Kind ist die zarteste Figur im *Familien-Mobile*.

Ulrike Adam: Das stimmt. An dem Beispiel mit dem Haus, können wir sehr gut sehen, dass es für verschiedene Lebensbereiche unterschiedliche Räume gibt. Das Leben in einer Familie ändert sich ständig. Bedürnisse und Verantwortung, Erziehung und Freiheit gilt es unter einen Hut oder besser unter ein Dach zu bringen. Sobald es allerdings Schwierigkeiten, Unstimmigkeiten oder Stress gibt, trifft es am härtesten das schwächste Glied – das Kind. Wie bei einem Mobile wackeln alle Figuren, selbst wenn man nur eines antippt. Für die untere Figur – dem Kind in seiner Zartheit –  am schwierigsten auszuhalten.

InWeinheim: Welche Möglichkeiten der Hilfe gibt es denn?

Ulrike Adam: Die Art der Unterstützung ist so individuell wie die Familie selbst. Das kann ein einmaliges Gespräch sein oder auch ein systemisches Eltern-Coaching, das in einer eskalierenden Konfliktsituation Hilfestellung gibt. Wir haben Gruppenangebote für Kinder, wie zum Beispiel das Marburger Konzentrationstraining oder auch ein soziales Kompetenztraining. Grundsätzlich gilt: wir haben das Kind im Blick. Wenn wir Eltern in ihrer Elternrolle stärken, wird sich auch die Beziehung zum Kind stabilisieren und auch das Kind selbst. Hier arbeiten wir mit einem individuell angepassten Konzept des gewaltlosen Widerstands in der Erziehung. Dabei geht es darum, Autorität über Beziehung herzustellen. Eltern lernen ihre Rolle als Eltern – wieder – einzunehmen. In einer Krisenpräsenzstunde sind wir auch im Notfall erreichbar.

InWeinheim: Erziehungsberatung ist ja im Sozialgesetzbuch §28 im Kinder- und Jugendhilfegesetz verankert. Dadurch hat jede Familie, jedes Kind und jeder Jugendliche und alle, die mit der Erziehung von Kindern betraut sind, Anspruch auf kostenlose und vertrauliche Hilfestellung. Wie ist denn in Weinheim die Resonanz?

Die Tür am Marktplatz steht offen für jeden.
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Ulrike Adam: Wir bemerken eine deutliche Zunahme der Beratungsfälle – insgesamt haben sich seit 2013  die Fälle verdoppelt. Auf der einen Seite eine alarmierende Zahl, aber auch ein positives Signal, dass die Familien den Weg zu uns gefunden haben und wir in so vielen Fällen Hilfestellung anbieten konnten. Wir werden auch von Kindergärten und Schulen hinzugezogen, um individuell zu beraten, zu vermitteln und zu begleiten.  Auf Wunsch halten wir gerne Fachvorträge zu Erziehungsthemen, zum Beispiel im Rahmen von Elternabenden.

InWeinheim: Mit anderen Worten, Sie sind überall dort, wo Eltern und Kinder sind – mit all ihren Konflikten und Themen.

Ulrike Adam: Wir sind bei den Familien und wir freuen uns, wenn wir es schaffen, dass aus kleinen Problemen keine großen werden.

Das Beratungsangebot ist kostenfrei, anonym und vertraulich.
Es ist für jeden offen, unabhängig der Nationalität, Religion und Weltanschauung.
Einzugsgebiet ist der Rhein-Neckar-Kreis.
Telefon: 06201 14362

In einer kindgerechten Atmosphäre fällt es Kindern leichter, sich zu öffnen.
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Susanne Michl

Susanne Michl

Senior-Praktikantin

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