KochKultur – eine Prise Welt in Weinheim

Gemeinsames Kochen und Essen bringt Menschen aller Kulturen zusammen. (c)NANNI

Das ehrenamtliche Integrationsprojekt „KochKultur“ aus Weinheim ist für den Deutschen Integrationspreis 2017 nominiert – Online unterstützen ab 21.März

Gemeinsames Kochen und Essen bringt Menschen aller Kulturen zusammen.
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Exotische Gerüche liegen in der Luft. Solche, die westeuropäische Nasen nicht kennen. Kochtöpfe klappern, es dampft und brodelt. Hinterm Herd herrscht eine Stimmung, die selbst wie ein Eintopf der Gefühle klingt: ein bisschen aufgeregt, aber auch angespannt und konzentriert. Es wird geschafft – und gelacht. So fühlt sich das ehrenamtliche Integrationsprojekt „KochKultur“ an, das in Weinheim in den letzten Monaten entstanden ist.

Hinter der „KochKultur“ stecken zwei aufgeweckte Frauen, die sich in der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit in Weinheim kennengelernt haben; damals in der Lützelsachsener Winzerhalle, die als Notunterkunft genutzt werden musste, erst so garstig war und dann so bewundernswert viel Hilfe aus dem Ort hervorgerufen hat: Das sind Christiane Brandwein und Ulrike Gollenia. Zu den Projektgründern gehört auch Sherif ElHusseini, ein ägyptischer Unternehmer, der mit seiner deutschen Frau in Dubai lebt. Er ist von Anfang an dabei und hilft vor allem dann, wenn es sprachliche Verständigungsprobleme gibt.

Mit ihrem Projekt haben sie sich Ende letzten Jahres für den Deutschen Integrationspreis 2017 beworben, den die Hertie-Stiftung auslobt. Jetzt haben sie die erste Hürde genommen: die „KochKultur“ gehört zu den 50 Bewerbern, die jetzt in die engere Auswahl gekommen sind. Das ist die Nominierung.

Jeder Handgriff sitzt, und es entstehen perfekte Meisterwerke: Kurdische Kutilk
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Im nächsten Schritt braucht das Projekt jetzt Unterstützung möglichst vieler Fans aus der Bevölkerung, denn die Hertie-Stiftung koppelt die Preisvergabe an ein so genanntes „Crowdfunding“. Die Menge der Menschen, die das Projekt unterstützen – auch mit einem symbolischen finanziellen Beitrag – ist für die Stiftung ein Gradmesser für die Ernsthaftigkeit und die Bodenständigkeit der Idee. Auch für deren Zukunft.

Worum geht es bei der „KochKultur“? Menschen, die als Geflüchtete in Deutschland leben, kochen für und mit Gastgebern, die schon lange hier wohnen. Die Menschen aus den arabischen und afrikanischen Ländern und Kulturkreisen haben mit ihren Sorgen, Erinnerungen und Traumata auch neue Geschmäcker, Zubereitungsarten und Aromen mitgebracht. Genüsse und Experimente; sie sind oft die einzige körperlich spürbare Erinnerung an die Heimat. Neue Rezepte, andere Zutaten, zuvor unbekannte Gewürze. Zusammen eine Prise von der ganzen Welt. Es sind Erlebnisse, die vom Gaumen direkt im Herzen ankommen.

Christiane Brandwein und Ulrike Gollenia sind Feuer und Flamme für *ihr Baby* KochKultur.
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Daraus haben Christiane Brandwein und Ulrike Gollenia ein Integrationsprojekt gemacht – später könnten damit echte Arbeitsplätze für geflüchtete Menschen erwachsen. Im Moment bringt die „KochKultur“ beim Kochen, Essen und Trinken die Menschen zusammen. Die beiden Frauen betreuen ein ganzes Team von Köchinnen und Köchen, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Es sind Syrer, Iraner und Afghanen, Inder und Menschen aus Westafrika. Es sind meistens Leute, die in der alten Heimat ihre Familie bekocht haben, selten sind es schon ausgebildete Kräfte. Sie schnippeln Zwiebel und Knoblauch, hacken Kräuter, die sie hier erst suchen müssen, sie erinnern sich an die Gerüche der heimischen Küche, an die Rezepte der Großmutter. Und sie zaubern Erinnerungen für den Magen.

Dabei lernen beide Seiten: Köche und Bekochte. Eine Küchenparty, auf der Grenzen so schmelzen wie Butter in der Pfanne.

Die „KochKultur“ kommt auf Anfrage in private Küchen, beispielsweise zu Geburtstagen, oder übernimmt bei größeren Anlässen das Catering. So finden geflüchtete Menschen eine Arbeit, die ihnen Spaß macht. Und man kommt sich näher, lernt sich schätzen, entwickelt Neugier. Auf Augenhöhe. Das ist das Besondere – und hebt das Weinheimer Projekt gegenüber anderen nominierten aus ganz Deutschland sogar noch hervor. Weinheim mit seinen 45 000 Einwohnern gehört zu den kleinsten Städten, die Bewerbungen einreichen. Aus der Metropolregion Rhein-Neckar ist außer Weinheim nur noch Heidelberg unter den „Top 50“.

Brandwein und Gollenia sind gespannt, ebenso wie die Weinheimer Integrationsbeauftragte Ulrike Herrmann, die das Projekt von Anfang an begleitet un

Ab 21. März wird es ernst für das Weinheimer Projekt – dann startet die Crowdfunding-Kampagne. Daumen drücken!
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d unterstützt.„Gemeinsames Essen überwindet jede Sprachbarriere. Essen ist mehr als reine Nahrungsaufnahme, Essen verbindet Menschen, Kulturen und Religionen. Beim Essen kommen Menschen zusammen“, beschreibt Ulrike Gollenia. Das ist das Motto.

Jetzt wird es bald so richtig ernst mit dem Kochspaß. Ab Dienstag, 21.März, können (und sollten) möglichst viele Menschen im Internet sechs Wochen lang bis zum 2. Mai ihre Unterstützung dokumentieren. Das geht über einen Klick (samt symbolischer Geldübertragung ab 5 Euro) auf der Internetseite https://www.startnext.com. Wichtig: 10.000 Euro müssen als Anschubfinanzierung über das „Crowdfunding“ zusammenkommen; das ist die Bedingung (Achtung: Das Projekt wird auf der startnext-Seite erst am 21. März dargestellt).

Die Chancen auf das nächste Weiterkommen stehen gut. Nach drei Wochen – am 11. April um 12 Uhr – vergibt die Hertie-Stiftung eine zusätzliche Förderung an die Projekte, die in der Rangliste die ersten 20 Plätze belegen. Gollenia und Brandwein wünschen sich: „Da wollen wir natürlich unbedingt dabei sein!“ Und im November wird an drei Bewerber der Deutsche Integrationspreis verliehen. Wenn es nach dem Geschmack von Ulrike Gollenia und Christiane Brandwein geht, dann mit Weinheimer Beteiligung.

Susanne Michl

Susanne Michl

Senior-Praktikantin

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