KochKultur – eine Prise Welt

Christiane Brandwein und Ulrike Gollenia sind Feuer und Flamme für *ihr Baby* KochKultur. (c)NANNI

KochKultur – das Weinheimer Projekt bewirbt sich für den Deutschen Integrationspreis 2017.

Dass Weinheim in Sachen Integration und Engagement ein Musterstädtle im Musterländle ist, davon konnte man sich in vielen, tollen Projekten bereits ein Bild machen. Jetzt hat es das Weinheimer Integrationsprojekt *KochKultur* geschafft, in die Hertie-Stiftung aufgenommen zu werden.  250 Ehrenamtsprojekte aus ganz Deutschland haben sich beworben. Die beiden Weinheimer Initiatorinnen Christiane Brandwein und Ulrike Gollenia kamen mit ihrer Idee unter die 50 ausgewählten Projekte, die sich beim Hertie-CrowdfundingContest  um den Deutschen Integrationspreis 2017 bewerben. Mit insgesamt 130.000 Euro für die ersten 20 Plätze werden die Ideen unterstützt, die die Welt ein kleines bisschen besser machen sollen. Als ich Ulrike Gollenia zum Interview treffe, sprudelt die Begeisterung nur so aus ihr heraus.

Christiane Brandwein und Ulrike Gollenia sind Feuer und Flamme für *ihr Baby* KochKultur.
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InWeinheim: Ulli, wir haben uns in der Winzerhalle kennengelernt. Du hast Dich von Anfang an dort engagiert. Wie aber bist Du auf das Thema *Kochen* gekommen?

Beim gemeinsamen Kochen kann man auch Vokabeln lernen.
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Ulrike Gollenia: Gemeinsames Essen überwindet jede Sprachbarriere. Essen ist mehr als reine Nahrungsaufnahme, Essen verbindet Menschen, Kulturen und Religionen. Beim Essen kommen Menschen zusammen. Wieso nicht also schon die Zubereitung gemeinsam gestalten? Mit einigen *Jungs* aus der Winzerhalle ist über diese Schiene eine richtige Freundschaft entstanden. Ich habe Lützelsachsener und Flüchtlinge zu mir nach Hause eingeladen, um dort zusammen zu kochen und zu essen. Anfängliche Bedenken – die es durchaus auch gab – konnten sehr schnell überwunden werden. Auch Christiane habe ich über die Winzerhalle kennengelernt, wir waren sofort auf einer Wellenlänge. Mit ihr gemeinsam hat die Koch-Idee immer mehr Würze bekommen. Meine Lieblingsgeschichte ist die von einem unserer jungen Köche, der im ersten Eindruck finster und fast bedrohlich wirkt. Einer der in das Negativ-Klischee vom *troublemaker* passen würde. Ab dem Moment, als er angefangen hatte, in der Küche mit Töpfen und Pfannen zu hantieren, war er ein anderer Mensch. Und wurde auch so wahrgenommen: als lachender, junger Mann. Oft ist es die Sprachbarriere, die Menschen ernst und abweisend erscheinen lässt.

Frische, leckere Zutaten werden in jeder Kultur geschätzt.
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InWeinheim: Ja, das stimmt. Deswegen sind solche Projekte auch ein toller Weg zur Integration.

Ulrike Gollenia: Wenn Christiane das Wort *Integration* hört, geht sie ab wie eine Rakete, das ist ihr persönliches Unwort.

Jeder Handgriff sitzt, und es entstehen perfekte Meisterwerke: Kurdische Kutilk
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InWeinheim: Wieso das denn?

Ulrike Gollenia: Christiane ist als Kind in fremden Ländern aufgewachsen, weil ihr Vater in der Entwicklungshilfe tätig war. Sie ist davon überzeugt, dass Menschen ihre Identität behalten müssen, um sich in der Fremde wohl zu fühlen. Den Menschen aufgrund seiner Herkunft, Kultur und Religion so zu akzeptieren wie er ist, das ist gelebte Toleranz. Und das möchten wir mit unserem Projekt erreichen, Menschen zusammenbringen.

Die Köchin bei der Arbeit
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InWeinheim: Wie funtioniert denn jetzt genau die Idee der *KochKultur*?

Ulrike Gollenia: Es gibt bei uns die Möglichkeit, eine einzigartige KitchenParty zu buchen. Eine tolle Gelegenheit, gemeinsam mit unseren Hobbyköchen ein traditionelles Menü aus ihrer Heimat, aus der sie fliehen mussten, zu kochen. Der Gastgeber kocht mit oder kann sich und seine Gäste auch gerne – wenn gewünscht – einfach nur mit kulinarischen Köstlichkeiten verwöhnen lassen. Es ist eine unkomplizierte Gelegenheit, fremde Kulturen und Menschen kennenzulernen und zusammenzubringen. Für unsere Hobbyköche, die auf dem Arbeitsmarkt nie eine reelle Chance hätten, entsteht so eine echte Arbeitsatmosphäre. Diese Wertschätzung ist es, die Hoffnung und Perspektive gibt.

Kochen ist Leben. Für einen Moment kann man sogar die Schrecken der Flucht vergessen.
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InWeinheim: Mit Eurer Idee seid Ihr aus 250 Bewerbern unter die 50 ausgewählten Projekte der Hertie-Stiftung  gekommen, die gemeinsam für den Deutschen Integrationspreis antreten.

Ulrike Gollenia: Ja, Ende Januar wurden wir nach Frankfurt zum Hertie-Camp eingeladen, wo ein Workshop uns auf den nächsten Schritt vorbereitete. Die Hertie-Stiftung möchte überzeugende Integrationsprojekte fördern, ihre Umsetzung finanzieren und die besten auszeichnen. Zum ersten Mal wird diese Förderung mit Crowdfunding kombiniert. In Frankfurt stand ein Kennenlernen der anderen Teilnehmer und der Austausch mit erfahrenen Crowdfunding-Experten von Startnext auf dem Programm. Es war so eine spannende, inspirierende Veranstaltung, in der zu keinem Zeitpunkt Platz für Konkurrenzgefühle war. Wir sind mit positiver Energie und hochmotiviert wieder nach Hause gefahren, um jetzt die nächste Hürde zu meistern: 21.März 2017, Punkt 12 Uhr mittags, wird für alle Bewerber gleichzeitig die Finanzierungsphase freigeschaltet. Wir haben dann sechs Wochen Zeit, Unterstützer für unser Projekt zu begeistern. Je mehr *Follower* wir haben, desto weiter vorne sind wir im Ranking. Am 11. April, 12 Uhr, fällt die Klappe, und die Hertie-Stiftung wird nach Rangliste die Preisgelder vergeben – zusätzlich zu den Geldern aus der Crowd. Im Herbst wird dann am 27. Oktober der Deutsche Integrationspreis vergeben, bei dem sich zeigt, welches Projekt eine besonders große Wirkung erzielt hatte, wer konnte Geflüchtete gut einbinden oder welche Idee war außergewöhnlich innovativ?

Es ist angerichtet.
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Die Hamburgerin Ulli hat kaum Luft geholt, als sie mir den Ablauf des Contests erklärt, ihre hanseatisch-blauen Augen blitzen vor Energie. Und dann sagt sie etwas, das mein Weinheimer Herz höher schlagen lässt.

Ulrike Gollenia: Weinheim ist einfach eine tolle Stadt. Seit 10 Jahren lebe ich mit meiner Familie jetzt hier, aber während des Projekts habe ich mich nochmal neu in Weinheim verliebt. Diese Offenheit, dieses vernetzte Miteinander  und diese tatkräftigen phantasievollen Menschen bewegen einfach etwas.

Ein kulinarischer Genuss – eine genüssliche Kommunikation. Die lange Tafel führt Kulturen zusammen.
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Und damit ich mir auch ein Bild vom echten Kochbetrieb machen kann, lädt mich Ulli zum nächsten *Kochcasting* ein, bei dem sich *Köche* mit ihren selbst zubereiteten Speisen vorstellen.  Ich treffe auf einen bunt zusammengewürfelten Haufen: ein Syrer, ein Iraner, ein Abiturient, ein Rentner, eine Hausfrau, Mutter und Tochter aus dem Irak, die heute ihre Kochkünste unter Beweis stellen werden und natürlich auch Christiane, die zweite Initiatorin von KochKultur. Wir kommen sofort ins Gespräch, und mir ist gleich klar, dass es die unkomplizierte, zupackende Art ist, die Christiane einfach als sympathische Macherin wirken lässt.

Sauberkeit hat oberste Priorität – regelmäßig werden Hygieneschulungen beim Gesundheitsamt besucht.
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Christiane Brandwein: Was wir hier kreieren, ist etwas jenseits des Ehrenamts. Unser Projekt soll tragfähig und langfristig sein. Wenn wir mit unseren Kochevents ein gesellschaftliches Umdenken erreichen können, wenn die Vielfalt Alltag wird, dann haben wir unser Ziel erreicht.

Sagt’s und plant schon über Handy den nächsten Schritt – eine tolle Kooperation mit dem Kochbuch-Projekt *Hand in Hand* aus Heidelberg. Ein Projekt von 4 Studenten der Hotelfachschule Heidelberg, in dem Rezepte von Flüchtlingen,  von Spitzenköchen neu interpretiert werden. Auch hier ist Essen die köstliche Grundlage zur Völkerverständigung.

Mittlerweile läuft es auch in der Küche in Weinheim richtig rund. Es wird geschnippelt, gelacht in allen Sprachen, und der Duft von wunderbaren Gewürzen liegt in der Luft. Die traditionell kurdischen *Kutilk* – eine Art Maultaschen aus Bulgur mit Hackfleischfüllung dampfen in einem großen Topf zusammen mit Spinat und Tomatensoße.  Schnell wird die lange Tafel gedeckt, damit alle gemeinsam das köstliche Essen genießen können – wie gut, dass es Nachschlag gibt. Lecker ist einfach eine Sprache, die jeder versteht!

Mit viel Liebe und Spaß bei der guten Sache: Christiane Brandwein und Ulrike Gollenia, die ungekrönten Königinnen der KochKultur.
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Susanne Michl

Susanne Michl

Senior-Praktikantin

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