Musik hat alle Farben

Familie Emödy-Abouzahra - Musik ist ihr Leben (c)NANNI
Familie ... Musik ist ihr Leben (c)NANNI

Familie Emödy-Abouzahra – 
Musik ist ihr Leben
(c)NANNI

Zu unserem dritten Interview aus der Reihe Buntes Leben in Weinheim“ nehmen wir es mit den Stadtgrenzen mal nicht so genau und treffen die Musikerfamilie Emödy-Abouzahra in Laudenbach. Ich bin gespannt, was mich erwartet – aus Zeitungsberichten kenne ich die beiden „GeigenWunderMädchen“, denen jetzt schon eine glanzvolle Karriere vorausgesagt wird. Frau Emödy öffnet mir die Tür ihres Reihenhauses dicht gefolgt von Amira (9) und Mariam (6), die mich neugierig mustern. Im Wohnzimmer der Familie wird die Leidenschaft für Musik spürbar. Ein Flügel, Notenständer, Stapel mit Noten – es ist klar, hier wird Musik gelebt.

InWeinheim: Frau Emödy, Sie sind Pianistin und ihr Mann Ahmed Abou-Zahra ist Musikmanager. Sie sind aus Ungarn und ihr Mann ist aus Ägypten. Musik kennt ja bekanntlich keine Grenzen, aber wie haben Sie sich denn kennengelernt?

Nóra Emödy: Wir haben beide Anfang der 90er in Freiburg an der Musikhochschule studiert. Wir wurden ein Paar und sind ab 1997 als Klavierduo HORUS PIANO auf Tournee gegangen. Noch drei Wochen vor der Geburt unserer ersten Tochter Amira 2005 waren wir auf Konzertreise. Als Amira drei Monate alt war haben wir ein Au-pair engagiert und sind zu einem Konzert nach Prag. Leider hat uns das Au-Pair-Mädchen kurzfristig abgesagt, und wir mussten ganz schnell eine Lösung finden, wie wir mit Säugling trotzdem das Konzert spielen konnten. Zum Glück half uns die Frau des Dirigenten aus der Patsche und hat Amira betreut während wir spielten.

InWeinheim: Wenn man das hört, ist klar, woher Amiras Leidenschaft für die Musik kommt.

Nóra Emödy: Ja, Musik war immer da! Sie ist nichts Besonderes in unserem Leben, eher wie Luft zum atmen. Unser Leben ist Musik. Sicher mögen auch die Gene eine Rolle spielen, aber der Rhythmus der Kinderlieder, das Singen und Tanzen, sobald die Mädchen laufen konnten, hat sicher auch die Leidenschaft zur Musik beeinflusst.

InWeinheim: 2008 wurde dann Mariam geboren. Welche Sprachen – außer Musik – sprechen Sie mit den Kindern?

Amira - temperamentvoll und begabt (c)NANNI

Amira – temperamentvoll und begabt
(c)NANNI

Nóra Emödy: Der Papa spricht mit den Mädchen arabisch, mit mir sprechen sie ungarisch und im Kindergarten kam dann natürlich deutsch dazu. Unser Haus und unsere Erziehung sind international. Durch die Tourneen, auf die uns die Kinder von klein auf begleiteten, werden Amira und Mariam zu offenen, toleranten Menschen. Sie haben von klein auf verschiedene Kulturen und Religionen kennengelernt.

InWeinheim: A propos Religion – wie wird das in Ihrer Familie gehandhabt? Ihr Mann ist Moslem, die Kinder besuchen in der Laudenbacher Grundschule den christlichen Religionsunterricht!

Herr Abouzahra gesellt sich zu unserer „Damenrunde“ und beantwortet meine Frage mit einer Geschichte aus dem Jahr 2011.

Ahmed Abouzahra: Wir haben 2011 ein tolles Projekt gemacht – das Chorwerk „Hubu al-Lahi – Gottes Liebe“. Gemeinsam mit dem WDR Rundfunkchor Köln und einem sufitischen und einem koptischen Ensemble planten wir eine Konzerttournee in Ägypten. Die verbindende Kraft der Musik eint Moslems und Christen, und die Religion gehört zu Kultur und Kunst. Das Opernhaus in Kairo, wo wir spielen sollten,  liegt 100 Meter vom Tahrirplatz entfernt, der zum Symbol der ägyptischen Revolution wurde. Am blutigsten Tag, am 28. Januar 2011, musste unser Konzert abgesagt werden, und wir alle wurden evakuiert. Es war chaotisch und bedrohlich. Und zu allem Übel hat sich Mariam auch noch ein Bein gebrochen. Sie war sehr tapfer, denn wir hatten überhaupt keine Hilfe oder ärztliche Unterstützung. Es war tragisch, dass ausgerechnet bei unserem friedlichen Projekt, das die Religionen verbinden sollte, die blutige Revolution ihren Lauf nahm.

Wenn Ahmed Abouzahra spricht sprühen Funken in seinen Augen, so lebendig, so temperamentvoll und charmant kann er Geschichten aus seinem Leben als internationaler Musiker erzählen. Als Musikmanager produziert er große Shows und Konzerte im Opernhaus im Oman. Sein Vater – ein berühmter Schauspieler und Showmaster in Ägypten – hat bestimmt den Grundstein für seine Entertainqualitäten gelegt. Eine Tournee zu viert als Familienkonzert ist ein Erlebnis, das über die reine Musik hinausgeht. Es wird erzählt, gescherzt und viel gelacht. Ich fühle, dass in der Familie Musik gelebt wird, und die Liebe zur Musik weitergetragen wird.

InWeinheim: Wieso fiel denn die Wahl auf Geige?

Nóra Emödy: Amira wählt mit vier Jahren ganz bewußt und aus eigenem Antrieb die Geige als IHR Instrument aus. An der Musikschule, die wir von der Musikalischen Früherziehung schon kannten, lernten wir den Geigenlehrer Herrn Gawrilenko kennen. Ein sehr warmherziger und liebvoller Musikpädagoge, der Amira sofort sehr enthusiastisch unter seine Fittiche nahm. Er war begeistert von ihrem Rhythmusgefühl, musikalischem Gehör und sah sofort ihre Begabung. Für uns war aber auch klar, wenn Amira sich für ein Instrument entschieden hat, dann sollte das auch konsequent sein. Das anfängliche Üben zu Hause erfolgte unter meiner Aufsicht, aber ich musste Amira dazu nie anhalten, weil der Antrieb zu spielen, immer schon aus ihr selbst kommt.

Amira (9) spielt mit ihrer Mutter Nóra eine Tarantella (c)NANNI

Amira (9) spielt mit ihrer Mutter Nóra eine Tarantella
(c)NANNI

Für die drei Jahre jüngere Schwester Mariam ist es selbstverständlich, auch Geige zu spielen. Sie sieht von klein auf ihrer Schwester beim Musizieren zu und quengelt so lange, bis sie mit zwei Jahren in den Geigenunterricht gehen darf. Sie bekommt eine 1/16 Geige und eifert Amira nach.

InWeinheim: Wie unterscheidet sich das Geigenspiel der beiden Mädchen?

Nóra Emödy: Amira spielt instinktiv, Mariam bewußt und sehr konzentriert.

2014 spielt die achtjährige Amira das erste Mal mit einem Sinfonieorchester. In Mexiko gibt sie ihr Debüt mit dem Violinsolo Vivaldis „Frühling“ aus den „Vier Jahreszeiten“.

Ahmed Abouzahra: Ich war aufgeregter als mein Tochter!

InWeinheim: Dreht sich denn wirklich alles um Musik in Ihrer Familie?

Nóra Emödy: Nein, nicht nur. Die Mädchen lieben basteln und malen und besuchen das Malhaus in Weinheim. Sie haben WingThai-Kurse besucht, eine asiatische Kampfkunst und lesen viel, sehr viel. Amira ist mit fünf Jahren eingeschult worden und ist trotz einiger Fehlzeiten, wenn wir auf Konzertreise sind, eine sehr gute Schülerin. Außerdem bleibt immer noch Zeit, sich mit Freundinnen zu treffen. In der Schule haben die Mädchen keine Sonderrolle. Sie treffen dort auch Kinder mit anderen Begabungen, wie z. B. im Steptanz. Und sie wissen, dass sie in der Schule genauso wie die anderen Schüler ihre Leistung bringen müssen. Amira kommt nach den Sommerferien auf das Werner-Heisenberg-Gymnasium nach Weinheim. Darauf freut sie sich sehr, natürlich auch auf das tolle Schulorchester.

Jetzt sind ja erst mal Ferien, aber selbst die Reisen sind von Musik geprägt: jedes Jahr unternimmt die Familie eine sogenannte Komponistenreise. Man war schon in Wien, um den musikalischen Geist Mozarts zu spüren oder wandelte auf den Spuren Bachs in Leipzig. Irgendwie sind alle besessen von Musik, und wirken dabei so sympathisch und fröhlich, wenn sie miteinander scherzen und albern.

Mariam (6) konzentriert (c)NANNI

Mariam (6) konzentriert
(c)NANNI

InWeinheim: Verratet Ihr mir Euren Lieblingskomponisten?

Wie aus der Pistole geschossen antworten Amira und Mariam fast gleichzeitig:

Amira: Johann Sebastian Bach

Mariam: Komarowsky

Gastfreundschaft im Hause Emödy-Abouzahra (c)NANNI

Gastfreundschaft im Hause Emödy-Abouzahra
(c)NANNI

Nóra Emödy erklärt mir, dass für Mariam immer derjenige Komponist ihr Lieblingskomponist sei, dessen Stück sie gerade aktuell spielt. Und Amira begründet ihre Wahl ganz selbstverständlich damit, „dass Bach viel für die Musik getan hat“. Zum Abschluss erfüllen sie mir den Wunsch und spielen zwei wunderbare Stücke: Amira wählt eine Tarantella und Mariam spielt ein Violinkonzert von Bériot. Während ich fasziniert den gefühlvollen Klängen lausche, nasche ich von den köstlichen Nüssen, die die Mädchen für mich serviert haben. Ich sehe Kinder, die mit leidenschaftlicher Freude, ihre Begabung leben dürfen – getragen von liebevollen Eltern. Ein Geschenk.

 

 

 

Susanne Michl

Susanne Michl

Senior-Praktikantin

%d Bloggern gefällt das: