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Der AKI - Arbeitskreis Inklusion in Weinheim. Ein weitverzweigtes Netzwerk, das Impulse für die Weiterentwicklung der Inklusion im Raum Weinheim gibt.

Der AKI – Arbeitskreis Inklusion in Weinheim. Ein weit verzweigtes Netzwerk, das Impulse für die Weiterentwicklung der Inklusion im Raum Weinheim gibt.

Inklusion in Weinheim und Annette Trube, diese beiden Namen wurden zehn Jahre lang in einem Atemzug genannt

Der Arbeitskreis Inklusion AKI, 2012 ins Leben gerufen, steht vor einem Vorstandswechsel. Annette Trube und Arnulf Amberg – beide Gründungssprecher der ersten Stunde – verlassen den Arbeitskreis. InWeinheim nimmt sich die Zeit, um in einem kleinen Interview mit Annette Trube, Kämpferin der ersten Stunde, zurückzuschauen.

InWeinheim: Frau Trube, seit den Sommerferien wohnen Sie nicht mehr in Weinheim. Wohin hat das Leben denn Sie und Ihre Familie geführt?

Annette Trube kämpft seit 10 Jahren für Inklusion.

Annette Trube kämpft seit 10 Jahren für Inklusion.

Annette Trube: Wir wohnen in einem kleinen Örtchen bei Bonn.  Mein Mann hat einen neuen Job angeboten bekommen, und weil wir keinen Wochenend-Papa und auch als Paar keine Wochenendbeziehung führen wollten, haben wir in Weinheim unser Zelte abgeschlagen. Ein Schritt, der mir besonders schwer gefallen ist, weil wir uns alle hier sehr wohl gefühlt haben. Ich merke jetzt sehr deutlich, um wie vieles die Infrastruktur in Weinheim besser ist – gerade auch mit Kindern.

InWeinheim: Sie haben fünf Kinder im Alter von 4 bis 13. Ihre zweite Tochter Maxima ist mit einer Chromosomenanomalie zur Welt gekommen.

Annette Trube: Die Diagnose haben wir zu ihrem zweiten Geburtstag bekommen. Als Maxima sechs/sieben Wochen alt war, habe ich gemerkt, dass etwas anders ist. Aber der Weg vom anfänglichen Zweifel zur endgültigen Diagnose war sehr aufreibend. Und die Prognose der Ärzte war schon niederschmetternd: ihr Kind ist behindert. Geistig und motorisch. Wird vielleicht nie sprechen und laufen lernen. Wird am Rand stehen.

InWeinheim: Jetzt greife ich etwas vor, wenn wir hier verraten, dass Maxima die *Schneeflocke* im Nussknacker bei einer Aufführung der Ballettschule getanzt hat. Wie war das möglich?

Annette Trube: Einzig und allein entscheidend ist der Glaube an das Kind und seine Fähigkeiten. Natürlich getragen von der Liebe in der Familie, aber auch von einer Gesellschaft, die Menschen mit Behinderung nicht aussortiert.

Inklusion steht für ein buntes Miteinander. (Quelle:www.behindertenrechtskonvention.info)

Inklusion steht für ein buntes Miteinander.
(Quelle:www.behindertenrechtskonvention.info)

Die Europäische Union hat 2009 die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung ratifiziert. Eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft, die Inklusion, ist der Leitgedanke der Behindertenrechtskonvention. Artikel 24 sieht vor, dass das allgemeine Bildungssystem jedem zugänglich sein soll. Ziel ist also der gemeinsame Schulbesuch von behinderten und nicht behinderten Kindern in einer Regelschule. Liest sich logisch, aber wie sieht die Realität aus? Die Zahlen von 2014/2015 sprechen eine deutliche Sprache: für ganz Deutschland liegt der Inklusionsanteil gemessen an der Gesamtzahl der Kinder mit Förderbedarf bei 34,1%.

InWeinheim: Frau Trube, Sie haben sich mit Ihrer ganzen Energie für Inklusion stark gemacht und bei uns hier in Weinheim einiges in Bewegung gebracht. Leidenschaftlich haben Sie dafür gekämpft, dass Ihre Tochter in Lützelsachsen sowohl im Kindergarten als auch in der Hans-Joachim-Gelberg-Grundschule gemeinsam mit nichtbehinderten Kindern spielen und lernen konnte.

Annette Trube: Rückblickend betrachtet war es schon ein großes Geschenk, dass meine Tochter so aufwachsen durfte. Dass Maxima in dieselbe Grundschule wie ihre Freundinnen und Freunde aus dem Kindergarten kam, war für die Kinder selbstverständlich. Sie sind gemeinsam aufgewachsen, haben gelernt, Verantwortung für Schwächere zu übernehmen. Für nichtbehinderte Kinder ist Inklusion also auch immer ein Gewinn. Sie haben die Möglichkeit, sozial zu reifen, die Welt verstehen zu lernen in all ihren Facetten und sich gegenseitig zu unterstützen.

Im Oktober 2011 holte Annette Trube gemeinsam mit der Pädagogischen Hochschule Heidelberg die Fachtagung Inklusion in der Schule nach Weinheim. Die Veranstaltung unter der Schirmherrschaft von OB Heiner Bernhard fand riesigen Anklang, und rückte das Thema Inklusion in ein neues Bewusstsein. Für viele – auch Erzieher und Lehrer – war das Thema Inklusion bis dahin eine unbekannte Größe. Zu wenig Gedanken hatte man sich bis dahin über ein gemeinsames Lernen und Leben gemacht. War doch unsere Gesellschaft und das Schulsystem bisher immer auf Aussortieren programmiert, wollte man jetzt neue, gemeinsame Wege gehen.

Annette Trube: Weinheim ist tatsächlich die Stadt mit einer Top-Inklusionsrate – über 70 Kinder werden inklusiv beschult. Das ist schon eine positive Entwicklung.

Annette Trube und Arnulf Amberg - die Gründer von AKI Inklusion Weinheim (c)

Annette Trube und Arnulf Amberg – die Gründer von AKI Inklusion Weinheim
(c)

InWeinheim: Maxima ist 2015 in die neu gegründete Karl-Drais-Gemeinschaftsschule nach Heddesheim gekommen. Inklusion auf weiterführenden Schulen ist ja ein Thema für sich. Wie haben Sie den Wechsel erlebt?

Annette Trube: Der Schulwechsel war nicht einfach, hat Maxima doch ihr vertrautes Umfeld verlassen. Sie hat in ihrem ersten Jahr in der weiterführenden Schule viel Ausgrenzung erfahren müssen. Wir allen waren sehr verunsichert, wie es weitergehen würde, vor allen Dingen jetzt nach dem Umzug. In Nordrhein-Westfalen wird das Thema Inklusion nicht so gelebt wie in Baden-Württemberg, speziell in Weinheim. Die Schule, auf die Maxima gehen sollte, war ein Schock für uns. Es war genauso, wie ich es nie wollte und wogegen ich all die Jahre gekämpft hatte. Ein Unterricht findet praktisch so gut wie nicht statt. Für eine Salatzubereitung wurde 60 Minuten Zeit aufgewendet, was in der Hälfte der Zeit gut möglich gewesen wäre. Aber am meisten geschockt hat mich, dass nach der Mittagspause ein gemeinsames Zähneputzen stattfand … an den Schultischen. Es ist befremdlich zu sehen, wie die Schüler permanent unter ihrem Leistungsvermögen unterrichtet werden und immer unter ihrem individuellen Niveau bleiben – geistig und lebenspraktisch.

InWeinheim: Das muss ja für Sie – als Kämpferin der Inklusion – sehr frustrierend gewesen sein.

Annette Trube: Das war es auch, aber uns war ganz schnell klar, dass wir solch eine Schule auf keinen Fall für Maxima möchten. Wir haben ganz in der Nähe eine heilpädagogische Waldorfschule gefunden für Kinder, die besondere Zuwendung und Förderung brauchen. Und dort ist Maxima angekommen. Sie ist glücklich und freut sich jeden Tag auf die Schule, und das ist das Wichtigste für ein gelingendes Heranwachsen von Kindern – mit und ohne Förderbedarf.

InWeinheim: Der AKI als Netzwerk für Bildung und Inklusion hat wegweisende Impulse geliefert. Seit Februar diesen Jahres hat der AKI eine eigene Website, die für alle an der Inklusion Beteiligten eine öffentliche Informations- und Vernetzungsplattform bietet.

Annette Trube: Ja, wir haben viel Energie und Ehrenamt zusammengeschmissen, um schließlich dank der digitalen Unterstützung von 42medien mit unserer eigenen Internetseite online gehen zu können. Ein wichtiger Schritt, weil dort auf einen Klick ganz viele Informationen rund um das Thema Inklusion zu finden sind. KiTa, Schule, regional und überregional, Eltern und Lehrer – Antworten finden alle, die sich mit Inklusion beschäftigen.

… auch nach 7 Jahren Warten auf Inklusion, die immer noch in den Kinderschuhen steckt. Quelle: Eine Schule für alle

InWeinheim: Frau Trube, jetzt hat ihr Baby – die Inklusion in Weinheim – laufen gelernt. Ihr Mitstreiter Herr Amberg und Sie verlassen den Arbeitskreis und übergeben die Leitung in neue Hände. Was wünschen Sie sich für Weinheim?

Annette Trube: Ich wünsche dem AKI eine ständige Weiterentwicklung. Die Samen, die wir gepflanzt haben, sollen zu einem kräftigen Baum wachsen, und der Gedanke Inklusion soll sich weiter manifestieren und zur Selbstverständlichkeit werden. Ich wünsche mir, dass jeder junge Mensch die Möglichkeit bekommt, die Welt verstehen zu lernen und sozial zu reifen.

InWeinheim: Liebe, Frau Trube, wir danken Ihnen ganz herzlich für Ihr Engagement, mit dem Sie Weinheim bereichert haben, und wünschen Ihnen in Ihrem neuen Zuhause mit Ihrer Familie eine glückliche Zukunft.

wir dabei!

eine-schule-fuer-alle

Susanne Michl

Susanne Michl

Senior-Praktikantin

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