Schwarz ist keine Farbe

Ein beruhigender Anblick - auf dem Weinheimer Friedhof gibt es wunderschön angelegte... (c)NANNI
Der Bestatter - heute nicht mehr so steif wie früher. Aber eben auch kein Beruf wie jeder andere. (c)NANNI

Der Bestatter –
heute nicht mehr so steif wie früher. Aber eben auch kein Beruf wie jeder andere.
(c)NANNI

Wenn man einen Interviewtermin mit einem Bestatter hat, ist die erste Überlegung morgens vor dem Spiegel: ‚den knallbunten Schal lasse ich besser heute weg!‘. Eine Überlegung, die sich nach dem Gespräch als unnötig herausstellt. Alle Farben gehören zum Leben – und zum Tod. Gregor Kuhnle vom 1. Weinheimer Bestattungsunternehmen nimmt sich die Zeit, mit mir über seine Arbeit zu sprechen.

Unser Gespräch ist Teil 5 aus der Reihe Buntes Leben in Weinheim

InWeinheim: Herr Kuhnle, Ihr Beruf ist ja nicht gerade alltäglich. Wie kam es denn zu dieser Wahl?

Gregor Kuhnle: Beim mir war es eine Wende im Leben. In meinem damaligen Beruf als Einzelhandelskaufmann fühlte ich mich nicht mehr so richtig wohl. Ich stellte vieles in Frage, suchte nach dem Sinn und der Nachhaltigkeit. Privat kam dazu, dass mein Vater an Alzheimer erkrankte, und wir beschlossen hatten, ihn zu Hause zu betreuen. Zu diesem Zeitpunkt kam mir meine Arbeit richtig läppisch vor. Ich trug mich mit dem Gedanken, eine Ausbildung zum Altenpfleger zu beginnen. Eine Idee, die ich allerdings genauso schnell wieder verwarf. Ich fand keine Einrichtung, die meinen Vorstellungen von Würde und Wertschätzung für diesen letzten Lebensabschnitt entsprach. Auch die Vorstellung, ständig gegen Behörden und Bürokratie ankämpfen zu müssen, gefiel mir nicht. Bei Missständen kann ich einfach nicht ruhig sein. Der Gedanke als Bestatter zu arbeiten ruhte schon eine Weile in mir, doch eines Nachts habe ich wirklich diese Schublade gezogen. Es war auf einmal alles klar. Ich weckte meine Frau, um ihr meine Entscheidung mitzuteilen.

Gregor Kuhnle liebt die Menschen und das Leben. (c)NANNI

Gregor Kuhnle liebt die Menschen und das Leben – und seinen Beruf als Bestatter.
(c)NANNI

InWeinheim: Mitten in der Nacht? Wie hat sie reagiert?

Gregor Kuhnle: Meine Frau ist sehr sensibel und kreativ. Sie arbeitet als Erzieherin und nimmt ihren sozialen Beruf sehr ernst. Sie wusste ja, dass ich auf der Suche nach neuen Wegen war und hat mich in meiner Entscheidung sofort unterstützt.

InWeinheim: Zu diesem Zeitpunkt mussten Sie aber auch erst einmal einen Arbeitgeber finden.

Gregor Kuhnle: Ich habe einige Bestatter hier im Umkreis angerufen, und rein gefühlsmäßig war das Telefonat mit Klaus Pflästerer mein Favorit. Als dann tatsächlich die Zusage vom 1. Weinheimer Bestattungsunternehmen kam, war das für mich wie ein Sechser im Lotto.

InWeinheim: Wie hat denn Ihr privates Umfeld – Familie und Freunde – auf diesen Umbruch reagiert?

Gregor Kuhnle: Mein Freundeskreis hat sich dadurch schon verändert. Geblieben sind die Freunde, denen das respektvolle Miteinander und Gespräche mit Substanz genauso wichtig sind wie mir.

Der *Ruhegarten* auf dem Weinheimer Friedhof ist wunderschön angelegt – ein Ort mit beruhigender Atmosphäre. (c)NANNI

InWeinheim: Ihr Begleiter ist der Tod. Wie ist das für Sie, wenn Sie in ein Haus gerufen werden?

Gregor Kuhnle: Wir haben ja einen 24-Stunden-Dienst und werden somit zu jeder Uhrzeit zu den unterschiedlichsten Orten gerufen. Jeder Tod ist individuell, ebenso die Trauer der Hinterbliebenen. Ich möchte dem Tod einen würdigen Rahmen geben, und den Menschen in ihrer Trauer zur Seite stehen.

InWeinheim: Sicher treffen Sie auf Menschen, die ganz unterschiedlich auf den Verlust eines geliebten Angehörigen reagieren.

Gregor Kuhnle: Oft treffe ich auf eine gewisse Starre, eine beherrschte Sprachlosigkeit. Das hat zum Teil auch damit zu tun, dass Menschen ihre Trauer und den Schmerz nicht zulassen wollen. Aufgewachsen in einer Gesellschaft, die mit ihren Traditionen gebrochen hat…

InWeinheim: Welche Traditionen meinen Sie konkret damit?

Gregor Kuhnle: Früher war es üblich Totenwache zu halten und den Toten in seinem Haus zu verabschieden. Sterben hatte eine Tradition wie Taufe oder Hochzeit, und wurde feierlich begleitet. Heute wollen die Angehörigen oftmals, dass der Tote noch mitten in der Nacht von uns abgeholt wird (was wir selbstverständlich machen). Aber manchmal fehlt dadurch der Zwischenschritt, der für das Trauern so wichtig ist – das Begreifen.  Aus diesem Grund unterstützen wir auch Angehörige, in unseren Räumen auf dem Friedhof ganz persönlich und würdevoll von ihrem geliebten Menschen Abschied zu nehmen. Ich habe schon oft festgestellt, dass die Trauer eine andere ist, wenn Menschen den Tod in ihr Leben lassen – ihn zulassen. Das bedeutet nicht, dass der Verlust weniger schmerzhaft ist, aber es nimmt dem Tod ein bisschen von seinem Schrecken.

Der Rolls-Roys unter den Särgen muss nicht immer passend sein. (c)NANNI

Vom einfachen Holzsarg bis zum *Rolls-Royce* – erlaubt ist was gefällt.
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InWeinheim: Menschen verbinden mit Ihnen den Tod. Fühlen Sie das?

nicht immer nur schwarz - auch bei den Urnen ist die

Nicht immer nur schwarz
– auch bei den Urnen ist die Auswahl groß, und darf auf Wunsch auch gerne bunt sein.
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Gregor Kuhnle: Ich merke oft, dass Angehörige Angst vor dem Bestatter haben, auch vor dem Geschäft mit dem Tod. Das Gefühl in seiner Trauer zusätzlich noch ‚abgezockt‘ zu werden, verunsichert viele. Aus diesem Grund bin ich in diesem Punkt besonders einfühlsam, aber auch zurückhaltend. Ich liste die Kosten auf, die von Verwaltungsseite immer bezahlt werden müssen, und wenn es dann an die individuelle Auswahl geht, lasse ich die Angehörigen in Ruhe unter sich beraten. Nicht das teuerste Sargmodell ist entscheidend, sondern die Auseinandersetzung damit, was zum Toten passt. Darüber kommen auch die Hinterbliebenen oftmals miteinander ins Gespräch, und das sind gute Gespräche. Es ist mir wichtig, dass die Gestaltung der Trauerfeier – Ritus, Kleidung und Musik – sehr persönlich ist.

InWeinheim: Gibt es Grenzen in der Ausführung?

Gregor Kuhnle: Nein, die gibt es eben nicht. Wenn wir merken, wie wichtig für die Angehörigen ein bestimmtes Lied oder eine gewisse Zeremonie ist, dann darf mit Traditionen auch durchaus mal gebrochen werden.  Das kann ein Rocksong sein oder aber auch eine ‚Grabbeigabe‘, wie selbst gemalte Bilder von Kindern oder Kuscheltiere. Bei der Bestattung eines Truckerfahrers standen kleine LKW-Modelle zwischen den Blumen, und alle Gäste waren sich hinterher einig: „ja, genau so war er!“. Das ist schön, wenn der Rahmen stimmt, wenn Angehörige darin Trost finden können.

InWeinheim: Für Sie ist das auch ein Anerkennen Ihrer Arbeit.

Gregor Kuhnle: Ich halte mich sehr im Hintergrund, dränge mich nicht auf. Es kommt aber durchaus vor, dass mich nach der Trauerfeier ein Angehöriger spontan umarmt und sich bedankt. Dann weiß ich, dass meine Entscheidung, den Beruf zu wechseln, richtig war.

Der Tod – Begleiter des Lebens (c)NANNI

 

InWeinheim: Es gibt ja auch den Ausbildungsberuf des Bestatters.

Gregor Kuhnle: Die korrekte Bezeichnung lautet Bestatterfachkraft. Die Ausbildung ist ein klassischer Lehrberuf, der drei Jahre dauert und danach mit der Meisterprüfung noch erweitert werden kann.

InWeinheim: Junge Menschen, die täglich mit dem Tod und der Trauer zu tun haben – nicht einfach, oder?

Gregor Kuhnle: Ich persönlich empfinde die emotionale Belastung in diesem Beruf für einen jungen Menschen sehr hoch, vielleicht sogar zu hoch. Es fehlt an bewusster Erfahrung. Man muss selbst schon sehr stabil und gefestigt sein, um tagtäglich respektvoll mit dem Tod umgehen zu können. Als ich mich in einem besonderen Fall wieder einmal mit Behörden angelegt habe, hat man mir an den Kopf geworfen: „Der Kuhnle, das ist ja so ein Kümmerer!“, habe ich das gar nicht als abfällige Beleidigung verstanden. Ich will mich ja kümmern, um die Menschen – um die Toten genauso wie um die Lebenden. Wie wir mit unseren Toten umgehen, sagt immer auch etwas über unsere Kultur und Gesellschaft aus. Mein Vater hat mir oft von seiner Zeit als Soldat im Zweiten Weltkrieg erzählt. Er war auf Russlandfeldzug und hat seine gefallenen Kameraden bestattet, im Moor. Er konnte sie einfach nicht liegen lassen. Ich finde das sehr berührend. Es hat in solch einer hoffnungslosen Situation etwas Tröstliches.

Die Art wie Gregor Kuhnle über den Tod spricht hat in der Tat auch etwas Tröstliches. Zu wissen, dass es Menschen gibt, die sich für einen letzten Weg in Würde und Wertschätzung einsetzen, kann den Schmerz und die Trauer ein klein wenig erhellen. Und manchmal kann der letzte Weg eben auch bunt sein.

 

Susanne Michl

Susanne Michl

Senior-Praktikantin

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