Wenn in der Heimat keine Zukunft wohnt

Zeinab - voller Lebensfreude und Stärke (c)NANNI
Zeinab - voller Lebensfreude und Stärke (c)NANNI

Zeinab – voller Lebensfreude und Stärke
(c)NANNI

Eine junge Frau hat alles hinter sich gelassen, um in Weinheim ein neues Zuhause zu finden. Für InWeinheim.de hat sie mir ihre Geschichte erzählt, die einen bewegenden Einblick in ihren mutigen Lebensweg gibt.

Zeinab wird 1985 in einem kleinen Dorf in Georgien geboren. Die Familie bewirtschaftet eigene Felder, der Vater arbeitet als Mechaniker, als sich nach zwei Töchtern ein drittes Kind ankündigt – man erwartet den heiß ersehnten „Stammhalter“ – einen Sohn. Doch die dritte Tochter wird geboren und erhält den Namen „Zierde des Vaters“, auf Arabisch Zeinab. Der Vater erzieht seine jüngste Tochter wie einen Jungen; sie lernt schwimmen, reiten, Radfahren, Traktorfahren. Vielleicht ist das der Grundstein für ihren Mut, alles schaffen zu können. Die beiden älteren Schwestern heiraten früh, Zeinab studiert an der Universtät in Tiflis Jura und macht mit 24 Jahren ihr Examen. Die Aussicht auf eine entsprechende Stelle in diesem von Korruption und Kriminalität erschütterten Land ist ohne Beziehungen fast unmöglich. Zeinab findet Arbeit, die nicht einmal dazu ausreicht, genügend Essen für den Monat kaufen zu können. Schweren Herzens verlässt Zeinab die Hauptstadt, um wieder daheim bei ihren Eltern im Dorf zu leben. Eine Entscheidung, die so gar nicht zu den freiheitsliebenden, moderen Zukunftsplänen der jungen Frau passt. Für die sehr traditionelle Dorfgemeinschaft ist sie eine „Jungfrau“, die es so schnell wie möglich zu verheiraten gilt. Der Weg scheint vorbestimmt zu sein, wenn Zeinab im Dorf bleibt. Es ist ihr Schwager, der sie rettet, indem er ihr von der Möglichkeit einer Au-pair-Stelle in Deutschland erzählt. Und so landet Zeinab am 1. Mai 2010 am Frankfurter Flughafen.

InWeinheim: Wie war das Gefühl bei der Ankunft?

Zeinab: Es war mitten in der Nacht, es war kalt, ich konnte kein Wort Deutsch und war erleichtert, als ich meinen Gastvater entdeckte, der ein Schild mit meinem Namen hochhielt. Am nächsten Morgen lernte ich den kleinen Sohn der Familie kennen, den ich ab jetzt für ein Jahr betreuen sollte.

InWeinheim: Wie habt Ihr Euch denn verständigt?

Zeinab: Kinder spielen auf der ganzen Welt gleich. Ich habe mich zu ihm auf den Teppich gesetzt und mit ihm Autorennen gespielt. Zum Spielen braucht man keine Sprache. Ich liebe Kinder über alles.

Sie strahlt mich an, dass ihre dunklen Augen nur so funkeln, und ich weiß sofort, dass es wahr ist, was sie sagt.

Zeinab: Ich habe alles mit dem Kleinen gemacht. Die Eltern sind beide berufstätig (die Mutter Zahnärztin mit eigener Praxis, der Vater Manager).Wir haben uns von Anfang an sehr gut verstanden, und die Familie war geduldig und verständnisvoll mit mir. Nach drei Monaten habe ich den ersten Deutschkurs an der Volkshochschule besucht und bis Level B1 alle Kurse weitergemacht. Meine Gasteltern haben den Sprachunterricht für mich bezahlt. Tagsüber habe ich den Kleinen in den Kindergarten gebracht, in die Musikschule, habe darauf geachtet, dass er sein Gemüse isst und abends bin ich ins Heisenberg-Gymnasium zu meinem Sprachkurs gegangen.

InWeinheim: Trotzdem waren Sie alleine in einem fremden Land. Wie sind Sie mit Heimweh umgegangen?

Die geliebte Oma beim Brotbacken

Zeinab: Ich habe für einen Laptop gespart, um mit meiner Familie über Skype in Kontakt bleiben zu können. Der erste Skype -Termin war sehr besonders und emotional. Die ganze Familie hatte sich in Georgien um den Laptop meines Schwagers versammelt. Mein Papa hat so geweint, als er mich auf dem Bildschirm gesehen hat. Wir haben uns die ganze Nacht hindurch unterhalten und Geschichten erzählt. Meine Oma, damals 84 Jahre alt, hat während des Gesprächs immer wieder über den Bildschirm gestreichelt, auf dem mein Gesicht zu sehen war. Wir alle haben von da an die Skypetermine sehr genossen. Manchmal frage ich meine Mutter nach einem bestimmten Kochrezept, und sie gibt mir Anweisungen, was ich machen soll. „Jetzt noch eine kleine Prise Safran rein“, sagt sie dann zu mir und ist erst zufrieden, wenn ich ihr das Ergebnis in die Kamera gehalten habe. Sie gibt mir Tipps, wie ich hartnäckige Flecken aus meiner Jeansjacke entfernen kann…

InWeinheim: Und wie funktioniert der georgische Geheim-Tipp?

Zeinab: Mit Spüli über Nacht einweichen und man nächsten Tag waschen. Es hat geklappt. Wir skypen fast täglich, und die Verabschiedung dauert unendlich lange, weil wir tausend Mal Tschüss sagen und keiner von uns das Gespräch beenden will.

InWeinheim: Und so ist das erste Jahr in Deutschland vergangen, und der Au-pair-Aufenthalt wäre nun zu Ende gewesen. Wie ging es dann weiter?

Zeinab: Nach dem Jahr war mir klar – ich kann nicht zurück in mein Land. Was sollte ich dort machen? Ich hatte keinerlei Perspektive. Aber wie würde meine Familie reagieren? Ich habe meine Mutter als erste in meinen Plan eingeweiht und war unsicher, wie mein Vater reagieren würde. Über Skype schüttete ich ihr mein Herz aus – in der Annahme, dass mein Vater nicht zu Hause wäre – als er plötzlich von hinten in die Kamera sprang und rief: „Mein Kind, bleib wo Du glücklich bist! Ich will Dich lachen sehen!“ Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen und ich war glücklich, dass meine Eltern mich in meiner Entscheidung unterstützt haben. Weil ich mittlerweile die Deutschkurse besuchte, konnte ich das Visum um ein weiteres Jahr verlängern. In dieser Zeit habe ich auch mit dem Gedanken gespielt, in Deutschland Jura zu studieren und so an meiner alten Ausbildung anknüpfen zu können. Den Gedanken habe ich aber recht schnell wieder verworfen, weil die bürokratischen Hürden in meinem Land so hoch sind, und man auf beglaubigte Unterlagen zu lange warten muss. Aber mir war klar, dass ich langfristig in Deutschland eine Berufsausbildung brauchte. Ich wollte auf eigenen Beinen stehen. Durch meine Gastmutter war ich oft in der Zahnarztpraxis, zu der auch ein zahntechnisches Labor gehört. Mir gefällt diese Arbeit, das Handwerkliche, das Präzise. Meine Gastfamilie hat mich in meinem Wunsch unterstützt und wir haben tatsächlich einen Ausbildungsplatz für mich bei der Handelskammer bekommen. 2012 hat meine Ausbildung begonnen, und damit war klar, dass ich erst einmal in Deutschland bleiben konnte.

InWeinheim: Berufsschule in Deutschland – wie war der Einstieg?

Die Ausbildung zur Zahntechnikerin bereitet Zeinab viel Freude.

Die Ausbildung zur Zahntechnikerin bereitet Zeinab viel Freude.

Zeinab: Sehr schwierig. Es gibt ja so viele Fachausdrücke, auch auf Lateinisch, die ich zusätzlich zum Alltagsdeutsch noch lernen musste. Im Theorie-Unterricht mitzukommen, wenn schnell gesprochen wird, fällt mir schon schwer. Aber in der Praktischen Arbeit habe ich genauso gute Noten wie deutsche Schüler, manchmal auch die beste.

InWeinheim: Und der Kontakt zu den Mitschülern? War es schwierig, Anschluss zu finden?

Zeinab: Manchmal bin ich schon auf Ablehnung gestoßen. Als ich einmal in der Schule wegen Krankheit einen Tag gefehlt habe, habe ich eine deutsche Mitschülerin nach den Unterlagen gefragt. Sie hat es mir nicht gegeben, „wenn Du nicht mitkommst als Ausländerin, kannst Du eben diese Ausbildung nicht machen!“.

InWeinheim: Das ist aber eine harte Zurückweisung. Wie sind Sie denn damit umgegangen?

Zeinab: Ich musste gar nicht reagieren, weil zwei andere Mädchen – übrigens auch Deutsche – die Sache mitbekommen haben und sofort zu mir gekommen sind. Sie haben darauf bestanden, dass ich mich zwischen sie setze. Sie haben mich regelrecht beschützt und mir sehr geholfen. Auch das Labor-Team ist für mich ein großes Glück. Sie nehmen mich wie ich bin, erklären mir alles sehr geduldig, wenn ich etwas nicht verstehe – sie sind Familie für mich.

InWeinheim: Und die „echte Familie“ in Georgien? Wann kam es denn zu einem Wiedersehen?

Zeinab: 2013 bin ich das erste Mal wieder nach Georgien geflogen. Ich musste auf der Botschaft in Tiflis mein Visum persönlich verlängern lassen.

InWeinheim: Das erste Wiedersehen nach drei Jahren! Kann man das Gefühl beschreiben?

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Besuch in der Heimat: die junge Frau hilft bei der Weinlese.

Zeinab (strahlt): Es war einfach nur schön. Richtig schön. Der Empfang am Flughafen war so emotional, die ganz Familie war da. Mein Vater war so überwältigt von seinen Gefühlen, er hat sich auf den Boden gekniet und geweint. Es war einfach unvorstellbar, dass wir uns alle wieder in die Arme schließen konnten. Als ich dann nach Hause kam, ging der ganze Rummel los. Das halbe Dorf war auf den Beinen, um mich zu sehen. Meine Mutter hat rund um die Uhr Kaffee gekocht – eine georgische Tradition – und alle wollten hören, wie es mir in Deutschland geht. Meiner Mutter habe ich eine Waschmaschine geschenkt (die zweite Maschine im ganzen Dorf übrigens). Das Wäschewaschen ist richtig harte Arbeit bei uns auf dem Dorf. Als die Maschine angeschlossen wurde und das erste Mal lief, hat sich mein Vater mit einem Hocker vor die Trommel gesetzt und zwei Stunden lang den Waschvorgang beobachtet. Er konnte es einfach nicht glauben, dass eine Maschine diese bis dahin so aufwändige Arbeit richtig gut erledigen konnte.  Es war wirklich ein sehr aufregender Besuch in der Heimat.

InWeinheim: War es einfach, eine Visumverlängerung zu bekommen?

 Zeinab: Nein, das war es nicht. Angeblich fehlten Unterlagen und mein erster Antrag wurde abgelehnt. Ich musste alles mögliche aus Deutschland anfordern und nachreichen. Ich hatte richtig Angst, dass man mir die Ausreise verweigern würde. Die Vorstellung, in Georgien bleiben und ein Leben führen zu müssen, in dem eine Frau wenig zählt, ist unerträglich für mich. Hätte es mit dem Visum nicht geklappt, wäre ich in ein Kloster gegangen.

Quelle: Wikipedia

Quelle: Wikipedia

Georgien – das kleine Land zwischen Schwarzem Meer und Hohem Kaukasus, sucht seinen Weg in die Zukunft. Bis 1991 zur Sowjetunion gehörend ist es zwar nunmehr seit vielen Jahren unabhängig, aber von Bürgerkriegswirren erschüttert. Auch wenn Georgien seit 1992 Mitglied der UN und seit 1999 Mitglied des Europarates ist, ist der Wunsch, in die EU aufgenommen zu werden, immer noch unerfüllt. Die Regierung hat mit Korruptionsvorwürfen zu kämpfen, Meinungsfreiheit und Menschenrechte werden zwar formell zugesichert, sind im Alltag noch lange nicht angekommen. In den patriarchalen Familienstrukturen kann von Geschlechtergerechtigkeit und Gleichberechtigung keine Rede sein. Traditionalisten verherrlichen ein überholtes Ideal von Jungfräulichkeit, Mutterschaft und Gehorsam. Oftmals werden junge Mädchen direkt aus der Schule verheiratet, ohne einen Abschluss und eine Ausbildung zu haben. Die dadurch entstandene Abhängigkeit vom Ehemann festigt ein Machtgefüge, das den Frauen jegliche Chance auf ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben nimmt.   

InWeinheim: Es hat zum Glück doch noch mit dem Visum geklappt.

 Zeinab: Ich war sehr erleichtert. Meine Eltern haben mich darin bestärkt, dass mein Weg richtig ist. Mein Vater hat großes Vertrauen in mich und ist der festen Überzeugung, dass ich alles schaffen kann. Mein Onkel hat drei Söhne, die ja in Georgien so wichtig sind, damit der Name weiter getragen wird. Alle drei haben keine Ausbildung, sind faul und leben einfach in den Tag hinein.  Mein Vater hat zu seinem Bruder gesagt: „Lieber eine Tochter wie meine, als drei Söhne wie deine!“. Er ist stolz auf mich. Meine Mutter natürlich auch – sie baut mich mit Sprüchen und Lebensweisheiten immer auf und macht mir dadurch neuen Mut. „Wenn Wind kommt, muss man durch laufen, auf der anderen Seite hat man es geschafft.“ Meine Mutter hat für alle Lebenslagen einen Spruch parat.

InWeinheim: Vielleicht noch eine kleine Kostprobe?

Zeinab: Ich hatte aus Georgien Blumensamen mit nach Deutschland gebracht, die Pflanzen sollen mich an meine Heimat erinnern. Nach dem Einpflanzen war ich sehr ungeduldig und verfolgte Tag für Tag das Wachstum. Das tägliche Blumengießen nach der Arbeit war für mich ein wichtiges Ritual geworden, auf das ich mich schon morgens freute. Eines Tages kam ich nach Hause und es regnete. Das Gießen war unnötig. Ich hatte richtig schlechte Laune und als ich mit meiner Mutter geskypt habe, sagt sie zu mir: „Was ist dein Problem? Du wolltest Blumen gießen, jetzt regnet es – geh‘ und gieß‘ im Regen!“ Zuerst kam es mir unsinnig vor, ich habe es aber trotzdem gemacht, weil meine Mutter nicht locker gelassen hat. Ich war klatschnass als ich mit Gießen fertig war, aber meine schlechte Laune war weg. Meine Mutter hat mir an diesem Tag gezeigt, dass man sich von nichts abbringen lassen sollte, das zu tun, was man tun möchte.

InWeinheim: Waren denn Ihre Eltern auch schon einmal in Deutschland zu Besuch?

Voller Zuversicht blickt Zeinab die Zukunft.

Voller Zuversicht blickt Zeinab in die Zukunft.

Zeinab: Nein, leider noch nicht. Das ist mein großer Traum, mein Wunsch: Ich möchte die deutsches Staatsangehörigkeit annehmen und dann als Deutsche meine Eltern hierher einladen. Ich möchte ihnen etwas zurückgeben. Sie haben mich stark gemacht, durch sie konnte ich erst so mutig werden und nach vorne blicken. Als meine Examensfeier in Georgien anstand, war klar, dass meine Familie mich nicht mit einem – wie bei solchen Veranstaltungen üblichen – luxuriösen Auto hinfahren konnte. Aber meine Familie hat alles getan, um diesen Tag für mich unvergesslich zu machen. Ich hatte mich gewundert, warum mein Vater in den Tagen vor der Feier einen zusätzlichen Job angenommen hatte – in der gleisenden Mittagshitze. Ich vergesse nie, wie sein kompletter Rücken von Brandblasen überzogen war und mit Tüchern gekühlt werden musste. Als Überraschung hat mein Schwager für mich ein Auto gemietet, damit ich zur Diplomfeier gefahren werden konnte. Als ich von der Feier zurück kam, bin ich zu meinem Vater gegangen, um ihn zu fragen, warum er das für mich getan hatte. Er sagte: „Frag nicht, warum. Setz Dich zu mir und erzähl mir alles ganz genau, erzähl mir, wie dein Tag war. Meine Schmerzen gehen weg, aber Deine Erinnerung an einen schönen Tag bleibt für immer.“

Mit so einer Erinnerung ist Zeinab stark genug für das Leben fern der Heimat. Ich fühle, wie sie voller Wärme und Zuneigung von ihren Eltern spricht, die sie in ein fremdes Land haben gehen lassen und ihr vertrauen. Demnächst wird sie in ihre erste eigene Wohnung ziehen und im Februar die Ausbildung zur Zahntechnikern abgeschlossen haben. Zeinab ist angekommen in der Zukunft.

Unser viertes Interview aus der Reihe Buntes Leben in Weinheim

Susanne Michl

Susanne Michl

Senior-Praktikantin

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